25 Apr. 2012, 22:33

Die berühmt-berüchtigte Künstlergruppe Voina hat allen politischen Gefangenen in Russland zum Jahreswechsel ein originelles Geschenk gemacht: Sie haben einen Gefangenentransporter in Brand gesteckt. Viele sind der Meinung, das sei banaler Krawall und nichts weiter. Der Präsident von Voina, Leonid Nikolaev, erklärt im Interview mit der Online-Zeitung Lenta.ru , warum das Kunst ist und warum es ein Kompliment ist, dass Voina als “kriminelle Vereinigung” bezeichnet wird.

Prometheus hat der Legende nach den Menschen nicht nur das Feuer gegeben, sondern sie aus Lehm geformt, das heißt, sie faktisch geschaffen. Was hast du im Laufe dieser Aktion geschaffen? Denkst du nicht auch, dass die Aktion Fucking Prometheus keine Kunst, sondern einfacher Krawall ist?

Danke, dass du mir etwas über deine künstlerischen Vorlieben erzählst. In der modernen Kunst gibt es so etwas nicht mehr. Es geht da nicht um persönliche Vorlieben. Ausgeklügelte Gedanken, was Kunst ist und was nicht – das ist nur ein schamhaftes jungfräuliches Getue von gestern und hat mit richtigem Krieg nichts zu tun.

Krawall bedeutet Respektlosigkeit gegenüber der Menschenwürde. Dagegen sind die Aktionen von Voina tägliches Heldentum und die Erfüllung einer zivilisatorischen Pflicht. Wir haben den Bullen eine verkehrte Silvesterfeier organisiert: Statt eines Tannenbaums gab es den brennenden Gefangenentransporter Ural, statt Sekt gab es Feuerlöscher, statt Gratulationen gab es Flüche und Drohungen von ihren Vorgesetzten.

Die Kunst wurde in der russischen Gesellschaft zum Krieg geführt. Ihr habt uns dazu gebracht, und jetzt staunt ihr. Ihr findet es komisch, dass Künstler selber zu ficken [ist das wörtlich gemeint oder etwas anderes?] angefangen haben, aber außer den Künstlern ist niemand dafür übriggeblieben, alle anderen liegen in ihrer Kotze herum. Mir gefällt es auch nicht. Die Künstler müssen es aber tun. Sonst tut es niemand. Die anderen stehen auf dem Asphalt und halten aufgeblasene Kondome von Putin in den Händen oder twittern herum.

Hier zu deiner Info und zur künstlerischen Orientierung: Wir kuratieren die Berlin Biennale. Und Kasper Nenaglydny Sokol ist der jüngste aller Kunstkuratoren. Es gibt einen offiziellen Vertrag, in dem steht, dass alles, was wir machen, Kunst ist. Wir sind verpflichtet, Kunst zu schaffen. Siehst du einen brennenden Gefangenentransporter? Das ist Kunst.

Gleichzeitig kann Krawall Kunst sein, er kann sogar wichtiger als Kunst sein. Frag dich ehrlich: Was bewegt die Kultur mehr – Kunst oder Krawall? Was hat einen stärkeren Einfluss? Wir sind Avantgardisten. Eine Grenze zwischen Kunst und Krawall zu ziehen, heißt für uns Selbstmord. Wo endet die Kunst? Sie endet nirgendwo. Krawall ist sehr oft Kunst.

Ich zitiere: “Warum sollte man Kunst schaffen, wenn alles voller Bullenfressen, Bullenkarren und Monster mit Schulterklappen ist?” Heißt das, es ist vorbei mit der Kunst? Seid ihr nicht länger die Künstlergruppe Voina?

Wie die Polizisten sagen: “Ein Künstler muss im Gefängnis sitzen.” Aber solange die Bullen Angst vor einer neuen Herausforderung haben, tun sie so, als habe sich der Transporter selbst entzündet, und wir hätten es zufällig von vier Standpunkten aus gefilmt. Wir haben uns nie hinter der Kunst versteckt und waren nie hinter der Kunst her. Wir haben uns immer offen abschätzig gegenüber den sogenannten Kulturschaffenden positioniert [verhalten?]– Personen zweiter Klasse, die bei der Regierung Schlange stehen, um sich ficken zu lassen.

Ich sag’ dir, was für mich das entscheidende Kriterium ist: Es geht mir besser nach dieser Aktion. Wir haben ein großartiges Neujahrsfest gefeiert. Es war auf jeden Fall nicht schlechter als letztes Jahr, als wir im Gefängnis saßen. Da bin ich vor Mitternacht ins Bett gegangen. Diesmal hatte ich zu tun.

Was bedeutet der Begriff “Überkünstlerische Aktion” für dich – ist das eher mehr Kunst oder weniger?

Die Aufgabe der Kunst ist immer eine Erweiterung, eine Aneignung. Man muss zugreifen und losrennen. So schnell wie möglich vorwärts. Wenn Kunst immer noch Kunst ist, dann ist sie keine Kunst. Keine künstlerische Tätigkeit. Wenn man den Künstler nicht fragt: “Was soll denn das, soll das Kunst sein?”, dann ist er kein Künstler. Kunst ist eine Inbesitznahme des gesamten Territoriums, in alle Richtungen, mit Lichtgeschwindigkeit. Diesen Lichtstrahlen stehen die Bullen im Weg. Und sie sind brennend heiß. Die Bullen werden von diesen Strahlen durchlöchert.

Kristina Potuptschik (die Leiterin von Naschi, einer Jugendorganisation der Regierungspartei), die von dir wahrscheinlich innig geliebt wird, hat die Mitglieder von Voina öffentlich gefragt, ob es nicht an der Zeit sei, damit aufzuhören, sich als Künstler zu bezeichnen, und offen zuzugeben, dass sie nur eine kriminelle Vereinigung seien. Was ist deine Antwort?

Ist das die, die auf dem Sacharow-Prospekt (während der Demonstration am 24. Dezember 2011 in Moskau) eine Rede gehalten hat? Gut, ich gehe auf ihre Provokation ein.

Letztlich sind Künstler sehr angreifbar. Und ich sage ihr: Ja, in Ordnung, es ist soweit (reimt), dort soweit, wo es hinter den Bergen schneit.

Der Begriff “kriminelle Vereinigung” ist für uns ein Kompliment. Das heißt ja nicht, dass wir keine Kunst machen, es ist eher ein Lob für unser künstlerisches Können. Früher wurden wir nur als Hooligans bezeichnet, jetzt erkennt man an, dass wir das Niveau einer kriminellen Vereinigung erreicht haben.

Ich gehöre nicht mehr dieser Welt an, sondern der des Aktionismus. Sind die Aktionen gut, die ein Künstler macht, dann wird er von der Geschwindigkeit seiner Kunst weit nach oben getragen. Das Ergebnis ist, dass er dort eins mit sich ist, in der vollkommenen Einsamkeit, in der Leere. Der luftleere Raum, die Losgelöstheit von den Mitmenschen, der Verlust jeglicher Beziehungen zur übrigen Welt kennzeichnen den richtigen Erfolg in der Kunst. Kunst ist keine Sphäre persönlicher Bereicherung. Die Ergebnisse der künstlerischen Praxis sind für den Künstler zerstörerisch. Sie bedeuten immer einen kompletten Verlust: von Nerven, Gesundheit, Blut und Persönlichkeit.

In der Kunst gibt es eine letzte Grenze: wenn bei dir alles zugrunde geht. Das zu verstehen, ist ganz besonders traurig, wenn man soziale Kunst betreibt, die einen tatsächlichen Nutzen hat – das, was Voina macht. Das »Gute« daran ist, dass man, wenn man diese Schwerelosigkeit erreicht hat, vielleicht nicht am Leben bleibt. Die sich steigernde Geschwindigkeit ist das Hauptkriterium moderner Kunst. Du musst dich mit Höchstgeschwindigkeit bewegen, um nicht auseinandergerissen zu werden. Ein kleines Bisschen langsamer, und Stücke fallen von dir ab. Um ganz zu bleiben, musst du eine Geschwindigkeit erreichen, die schneller ist als der Zerfall. Das entfernt einen von allen menschlichen Nöten.

Damit man nicht die ganze Zeit darüber traurig ist, haben wir uns zu einer Gruppe zusammengetan. Koza bekommt bald noch ein Kind, ein Mädchen, eine Aktivistin. Zu Kasper dazu. Deswegen müssen wir die Aktionen ganz schnell, blitzschnell machen. Zehn Minuten für alles, nicht mehr. Für mehr haben wir keine Zeit. Die Geschwindigkeit ist das Wichtigste hier. Die Geschwindigkeit ist dazu da, für immer aus der Kunst herausgetragen zu werden.

Euer Mitstreiter Alexey Plucer-Sarno schreibt in seinem LifeJournal von sieben verbrannten Gefangenentransportern. Es gibt aber nur ein Video von einem brennenden Auto bei der 71. Polizeiabteilung. Wie viele Polizeiautos habt ihr denn insgesamt angezündet?

Ruf doch Herrn Suchodolsky an und frag nach, wie die Ermittlungen stehen. Kannst auch gleich Tschitschin, den Hauptbullen des Petrograder Bezirks, anrufen, er hat doch gesagt, dass er immer noch an Wunder glaubt (Der Vorsitzende der Polizeiabteilung des Petrograder Bezirks, Stanislav Tschitschin: “Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Er ist irgendwo da, aber wir wissen nicht, wo. Ich glaube nach wie vor an Wunder.”)

Das sind ganz konkrete Personen mit ihren Träumen, die die Verantwortung für die Unruhen tragen, die gerade in der Stadt beginnen. Frag sie doch, wovon sie träumen. Dann erzählst du es mir weiter und wir lachen zusammen darüber.

Außerdem hast du öffentlich verkündet, dass ihr beabsichtigt, für jeden Tag, den eure Mitstreiter im Gefängnis verbringen, einen weiteren Gefangenentransporter anzuzünden. Habt ihr am 1. und 2. Januar schon einen Polizeiwagen in Brand gesteckt, oder plant ihr in der nächsten Zeit eine Massenverbrennung von Autos?

Verlass doch mal dein warmes Nest auf lenta.ru und komm zu mir. Werde ein Aktivist. Dann machst du jede Nacht Reportagen von den Petersburger Straßen, mit einer Leica und einem Notizblock in der Hand. Ich weiß, du schaffst das. Du wurdest doch schon mal in Kasachstan verhaftet, als es da Volksaufstände gab, du hast also Erfahrung.

Wie lange habt ihr die Aktion mit der Autoverbrennung geplant, oder war das eine spontane Idee?

Die Vorbereitung hat eine Woche gedauert. Die Entscheidung haben wir getroffen, nachdem Philipp Kostenko, der seine Haft im Hungerstreik schon fast abgesessen hatte, am 22. Dezember noch mal zu 15 Tagen Haft verurteilt worden war, und es klar wurde, dass Philipp Silvester hinter Gittern feiern wird.
Voina entschied, Philipp ein Neujahrsgeschenk zu machen und das Geschenk mit allen politischen Gefangenen Russlands zu teilen. Für die Suche nach einem Geschenk haben wir eine Woche gebraucht und ein paar Nächte für die Proben. Philipp ist im Gefängnis und kann nicht feiern, aber auch diese verfickten Mitarbeiter des Zentrums zur Extremismusbekämpfung haben in diesen Tagen keine Ruhe. Sie haben gedacht, Vor und Koza wären wohl im Ausland, und haben schon einen internationalen Haftbefehl ausgestellt, sie haben ihre Kopfschmerzen an Interpol weitergegeben, und hier, auf einmal: Herzlichen Glückwunsch, Arschlöcher!

Am 30. Dezember kam die Nachricht über das schreckliche Urteil für Taisiya Osipova: zehn Jahre für eine gefälschte Anklage ohne einen einzigen Beweis. Das hat uns überzeugt, dass wir das Geschenk richtig ausgewählt haben.
Wir haben Philipp, Taisiya und allen politischen Gefangenen zu Silvester gratuliert, allen, die wir kennen, allen, denen wir helfen. Ich möchte jetzt sofort Taisiya in Freiheit umarmen, und ich möchte jetzt sofort mit Igor Beresyk gegen eine Reihe von Sondereinheiten der Polizei antreten. Das sind meine Neujahrswünsche. Wir begrüßen alle politischen Gefangenen und erklären sie zu den wahren Helden Russlands!

Habt ihr euch vom Lied der Musikband Barto inspirieren lassen, ich meine die Zeile: “Bist du bereit, Bullen abzufackeln?”

Wir lassen uns seit Langem von nichts mehr inspirieren. Es reicht. Inspirationen brauchen Zeit, einen Wohnraum, einen Sessel, eine warme karierte Decke. Das alles haben wir nicht. Ich trage eine Hose, die ich schon seit meiner Haftzeit besitze, und die Damenjacke von Koza, die ich und sie abwechselnd tragen. Ich bin obdachlos und zerlumpt. Ich kenne das Leben in schlimmer Armut. Was mir bleibt, ist, andere zu inspirieren.

Wenn ich das richtig verstehe, hat Voina den Bullen einen richtigen Krieg erklärt. Wie weit wollt ihr gehen?

Im Dezember hat der Protest Tausende von Bürgern vereinigt, die davor nur in ihren Küchen herumgemeckert hatten. Leider haben diejenigen, die die Proteste angeleitet haben, den Weg der Kooperation mit der Regierung eingeschlagen. Das Ergebnis einer solchen Kooperation: Keine einzige Forderung der hunderttausend Menschen wurde erfüllt, unter anderem hat man auch keinen einzigen politischen Gefangenen freigelassen. Und am Ende des Jahres bei der Silvesterparty im Smolensker Gericht haben die Richterin, die Staatsanwältin sowie die Ermittler aus dem lokalen Zentrum zur Bekämpfung von Extremismus alle zusammen schön entspannt Taisiya Osipova zehn Jahre Haft verpasst. Nun stellt sich die Frage, was man weiter tun soll. In so einer Situation konnten wir nicht ruhig sitzen, wir haben einen neuen Weg vorgeschlagen. So haben wir mit der Brandstiftung angefangen, und wir sagen offen, dass wir soweit sind, das auch weiterhin zu tun. Das war, sagen wir mal, so eine Art Vorschuss für Philipp Kostenko.

Wir empfehlen, gut nachzudenken, ob man den Menschenrechtler nicht doch lieber aus der Haft entlassen sollte, andernfalls wird man erfahren, was das Wort Kunstaktion noch alles für Präfixe haben kann. Einige Jahre lang haben wir Kunst geschaffen, weil wir keinen anderen Ausweg sahen. Wir haben Kunstaktionen gemacht und lebten in einer erwartungsvollen Spannung. Wir waren in ständigem Training. Für euch sind Aktionen von Voina Meisterwerke. Für mich sind sie Humus aus entsorgten Ersatzteilen von Extremismus, von politischem Kampf, Punk, Postmodernismus, Konzeptualismus. Wir haben uns auf Aktionen beschränkt, im Bewusstsein, dass wir nichts Größeres als Kunststücke schaffen können, nicht mehr als Kunstwerke. Jetzt im Untergrund im vergangenen Jahr haben wir die Ausweglosigkeit überwunden. Ich wollte schon immer Polizeiautos abfackeln. Der russische Weg zu Polizeiautos führt jetzt durch das Erbe der Avantgarde. Ein wenig schräg, nicht wahr? Das stimmt. Vom kulturellen Standpunkt aus ist das etwas Neues in der Kunst. Und das haben wir gemacht.

Werdet ihr die Polizisten selbst bestrafen oder nur deren Fahrzeuge? Zum Beispiel die ganzen Polizeiabteilungen mit Menschen drin verbrennen? Beabsichtigt ihr Menschenopfer? Selbstverständlich nur um der Kunst willen.

Im 2011 haben wir uns das ganze Jahr lang mit Bullen angelegt. Sonst nichts gemacht. So ist dieses traurige Werk nicht umsonst geschaffen worden. Wir haben begriffen, dass Bullen im strengen Sinne des Wortes keine Menschen sind, sie sind einfach nur Bruchteile des Systems, ohne persönliche individuelle Charakteristiken. Ohne persönliche Merkmale. Ohne all das, was man braucht, um Mensch zu sein. Vergesst das nie, wenn ihr einem Bullen begegnet, und lasst euch nicht durch zufällige optische Ähnlichkeiten zwischen Bulle und Mensch irreleiten. Ein Mutationselement kann im Prinzip nicht als Subjekt begriffen werden.
Habe ich deine Frage beantwortet?

Glaubst du nicht, dass ihr, wenn ihr schon nach der Aktion Palastumsturz ernsthafte Schwierigkeiten bekommen habt, jetzt garantiert “dicht gemacht” werdet?

Ich mache mir da keine Gedanken, Mädchenängste gehören nämlich nicht zu den Zielen und Aufgaben unserer Tätigkeit. Das Ziel ist, nicht zuzulassen, dass während all dieser sinnlosen Silvesterpartys die Menschen den Protestgeist verlieren, dass sie nicht die zehn Jahre Haft für Taisiya Osipova vergessen. Nicht vergessen, dass Philipp Kostenko nicht am 5. Januar aus dem Gefängnis entlassen wird, weil man ihn am 4. Januar zum dritten Mal hintereinander verurteilt. Das Ziel ist, dass niemand so etwas will. Im Moment ist es aber so, dass alle es wollen. Das sind sie, die lieben Zuschauer, und die Bullen.

Was ist der Sinn hinter dem Verbrennen eines Gefangenentransporters? Es gibt doch so viele davon, dass das Vernichten eines einzigen oder gar von sieben solcher Fahrzeuge gar nichts bringt. Oder soll so eine Aktion angsteinflößend wirken?

Das war keine Aktion, das war ein bescheidenes Geschenk zum neuen Jahr für die Aktivisten, die im Gefängnis sitzen. Sie haben sich gefreut, es zu erhalten. Was hast du geschenkt bekommen von deinen Freunden? Whisky? Ein iPhone? Shampoo? Stell dir vor, du bist in einer Gefängniszelle eingesperrt, du bist hilflos, ein Invalide – und plötzlich bekommst du ein solch prächtiges Feuergeschenk, wie du es noch nie bekommen hast. Ich hätte mir gewünscht, so ein Geschenk zu bekommen, als ich im Knast war. Als man mich in so einem Gefangenenfahrzeug zum Gerichtsgebäude und wieder zurück in den Knast transportierte, habe ich mir immer vorgestellt, dass meine Freunde es jetzt angreifen würden, es auf die Seite kippen; ich komme dann raus, renne über die Autobahn und verschwinde. So was träumt man in Gefangenschaft.

Rechnet ihr mit positiven Reaktionen (wie nach der Aktion Schwanz auf der Liteyny-Brücke), oder ist euch egal, wie sich die gesellschaftliche Meinung dazu gestaltet?

Nein, es ist uns gar nicht egal. Die Gesellschaft und die Kunstexperten haben uns erzählt, wir hätten den Schwanz gut gemalt, der Palastumsturz dagegen sei keine gute Aktion gewesen. Das alles sind Menschen, in denen ein Bulle schläft. Das hat uns dann angespornt. Wir machen keine schlechten Aktionen. Also, ihr findet den Palastumsturz nicht gut? Genau diese “keine gute Kunst” haben wir dann als Richtlinie genommen. Eigentlich machen wir das, was wir immer machen – Politik.

In seinem LifeJournal schreibt euer Mitstreiter Aleksej Plucer-Sarno Folgendes: “Der verfickte Weihnachtsmann hat auf die Schweizer Uhr geschaut, die er von seinen Herren geschenkt bekommen hat.” Bedeutet das, dass ihr jetzt vom Außenministerium unterstützt werdet? Früher habt ihr doch alles Nötige in Supermärkten geklaut?

Und jetzt verbrennen wir Gefangenentransporter. Es sieht so aus: Ein kleiner fragiler Aktivist, offensichtlich Veganer, stellt sich allein einem riesigen Gefangenentransporter entgegen. Allein mit den Händen kann man so einen Wagen nicht umkippen – wie beim Palastumsturz. Der Aktivist hat nur ein paar Minuten für diese Aktion. Und da trifft er eine Entscheidung. Ein Neujahrskuchen aus Feuer! Uns unterstützen Banksy und die Berlin Biennale. Das Außenministerium ist nicht dabei. Vielleicht haben sie keine Beziehungen, ich weiß es nicht. In den Supermärkten klauen wir nach wie vor, das ist die Grundlage. Alles, was wir für unsere Aktionen brauchen, ist dort vorhanden.

Was denkst du, kriegt ihr für die Aktion mit dem brennenden Gefangenentransporter Fucking Prometheus auch irgendeine Staatsauszeichnung? Werdet ihr sie annehmen? Habt ihr vielleicht darüber nachgedacht, mithilfe des Geldes, das ihr im Rahmen des “Innovationspreises” bekommen habt, irgendeinen Brand zu organisieren? Habt ihr Molotow-Cocktails vom diesem staatlichen Geld gekauft?

Wir benutzen kein Geld. Ich seit 2010, Vor und Koza seit Ewigkeiten, seit 1998, Kasper seit seiner Geburt. Wir nehmen keine Auszeichnungsgelder an. Wir haben das Geld von “Innovation” nicht angerührt. Niemand wollte es uns auch geben. Der Direktor des Staatlichen Zentrums für Moderne Kunst und Gründer dieser Auszeichnung, Herr Mindlin, hat sich gegenüber der Jury wortwörtlich so gegen Voina ausgesprochen: »Seien Sie sich darüber im Klaren, dass Voina kein Geld von uns bekommt.« Dann haben wir die Menschenrechtsorganisation AGORA gegen das Staatliche Zentrum für Moderne Kunst aufgehetzt, und die Rechtsanwälte von AGORA haben dieses Geld dem Maul der Beamten entrissen, um es zur Unterstützung der politischen Gefangenen und unterdrückten Aktivisten auszugeben. Weißt Du noch, wie es in der Novelle »Kaschtanka« von Tschechow heißt? Die Jungs haben diesen kleinen Hund namens Kaschtanka gequält. Sie haben ihn ein an einem Faden hängendes Würstchen verschlucken lassen und es danach wieder herausgezogen, aus dem Magen des Hundes. Das Staatliche Zentrum für Moderne Kunst ist als ein solches Zirkushündchen aufgetreten, mit dem Geld politischer Gefangener im Magen. Das Geld wurde übrigens sofort auf das Konto von AGORA überwiesen.

Nach diesem Interview beschloss das Gericht am 4. Januar 2012, den Aktivisten und Menschenrechtler Philipp Kostenko freizulassen.

“Nun sollte man sich gut überlegen, welche Methode wirkungsvoller ist: friedliches Getanze mit Kondomen auf Demos – oder der Geruch von frisch gelegten Bränden in der Nacht.”

Aus dem Russischen von Anna Eckold
Veröffentlicht am 5. Januar 2012 auf http://free-voina.org/post/15349606410

Tags: Leonid Nikolajew Polizeiautos abfackeln Anna Eckold 
14 Dez. 2011, 22:02


Die Inhaftierung von Philip Kostenko am Newski-Prospekt

Kaum als Co-Kurator der Berlin-Biennale ernannt, schon verhaftet und schon wieder auf der Flucht: “Einer der Co-Kuratoren der 7. Berlin Biennale, Leonid Nikolajew, ist am vergangenen Wochenende bei einer kremlkritischen Demonstration verhaftet worden. Nikolajew gehört dem russischen Künstlerkollektiv Voina an. Erst in der vergangenen Woche hatte die Biennale bekannt gegeben, die Gruppe um den russischen Künstler Artur Zmijewski 2012 als „assoziierte Kuratoren“ einsetzen zu wollen. Am Montagmorgen gelang Leonid Nikolajew die Flucht aus der Polizeiwache. Mittlerweile soll ein internationaler Haftbefehl gegen ihn vorliegen. Und ein weiterer Voina-Aktivist, Philip Kostenko, sitzt noch in Haft und ist im Hungerstreik: “On December 6, 2011 Philip Kostenko, Voina Group artist, activist of the Russian human rights organization Memorial began a hunger strike. He was arrested near Gostiny Dvor at the peaceful rally in St. Petersburg against widespread violations in the State Duma elections. He was charged with failure to follow a police officer’s orders (Article 19.3). His case was heard by Judge Alexei Kuznetsov, whom many oppositionists claim is known for accepting false statements from police officers and handing down harsh punishments. Kostenko was sentenced to 15 days in custody. Another illegally arrested activist Victor Demyanenko joined Kostenko on the hunger strike. They demand “releasing all people who were detained at the peaceful rallies on December 4-6”. Kostenko is also wrongfully charged by Articles 214 (“vandalism”), 318 (“using violence against a public official”), 319 (“insulting a public official”).


Leonid Nikolajew, nachdem er auf der Polizeiwache geschlagen 6. Dezember 2011 bump

He is facing other sentences. Philip Kostenko is a an organizer and participant of Voina Group actions, activist of the “Food not Bombs” movement , co-author of the innovative art collages against pre-electoral law breaches of the pro-Putin “United Russia” party. He participated in all Dissenters Marches and Strategy 31 rallies. In 2011 Kostenko was detained 8 times by police without any legal ground – neither arrest warrants nor official papers were presented. For instance because of his participation in Dissenters Marches in St. Petersburg and taking part in Voina actions, on June 17, 2011 he was kidnapped by counter-extremism Center E agents Vasily Trifan and Andrey Aleshin. Kostenko was delivered to the Investigators Committee (analogue of US FBI) department to the officer D.V. Fedichev. Police officers openly write comments containing insults and explicit threats in Kostenko’s blog which were addressed directly to him. Threats, blackmailing, arrests, assaults and batteries, initializing of falsified criminal cases, aiming to intimidate the Voina artist Kostenko, are still going on. Voina Group asks journalists to spread this information and help rescuing Philip Kostenko from jail.

Quelle der Veröffentlichung: http://www.rebelart.net/diary/voina-leonid-nikolajew-auf-der-flucht-philip-kostenko-im-hungerstreik/0011689/

Tags: Center E Philip Kostenko Leonid Nikolajew 
05 Dez. 2011, 8:24


Leo The Fucknut protestiert gegen die illegitimen Wahlen, 4. Dezember 2011, Sitzplätze Yard, St. Petersburg

Leonid Nikolajew (a.k.a. Leo the Fucknut) vom russischen KünstlerInnenkollektiv Voina ist heute bei einer kremlkritischen Demonstration verhaftet worden. Insgesamt wurden in St. Petersburg mindestens 30 DemonstrantInnen verhaftet und landesweit mehr als 130 Personen.


Polizei verhaften Leo The Fucknut
 
Artur Żmijewski hat die Gruppe Voina (Oleg Vorotnikov, Natalya Sokol, Leonid Nikolajew, Kasper Nienagliadny Sokol) aus Russland sowie Joanna Warsza aus Warschau in der vergangenen Woche als assoziierte KuratorInnen der 7. Berlin Biennale bekannt gegeben.

http://www.berlinbiennale.de/blog/news/leonid-nikolajew-von-voina-verhaftet-16929

Tags: Leo the Fucknut Leonid Nikolajew 
01 Dez. 2011, 11:45

Artur Żmijewski hat die Gruppe Voina aus Russland und Joanna Warsza aus Warschau zu assoziierten KuratorInnen ernannt, die gemeinsam das Konzept und Programm der 7. Berlin Biennale weiterentwickeln werden.


Vor und Żmij auf der Newa


Voina


Oleg Vorotnikov (a.k.a. Vor), Natalya Sokol (a.k.a. Kozljonok oder Koza), Leonid Nikolajew (a.k.a. Leo the Fucknut) und Kasper Nienagliadny Sokol

Das KünstlerInnenkollektiv Voina (dt.: Krieg) aus Russland wurde 2005 von Oleg Vorotnikov und Natalya Sokol gegründet. Voina engagiert sich in aktionistischer Straßenkunst, die sich gegen die russischen Autoritäten richtet. Ihre Aktionen werden regelmäßig von einer Vielzahl von anonymen AktivistInnen unterstützt. Gegen die Gruppe und ihre AktivistInnen wurden bereits zahlreiche strafrechtliche Prozesse angestrengt. Zuletzt wurden Mitte Oktober 2011 Natalya Sokol und ihr Sohn Kasper für mehrere Stunden in Arrest genommen. Oleg Vorotnikov, Natalya Sokol, Leonid Nikolajew und Kasper Nienagliadny Sokol verweigern die Verwendung von Geld und leben ohne permanenten Wohnsitz in St. Petersburg. Ihr Credo lautet, wie Natalya Sokol erklärt: „Ein Künstler, der sich dem politischen Bewusstsein verschließt, ist nur ein Designer.“

„Wir gehen nicht davon aus, dass die Gruppe Voina als herkömmliche KuratorInnen agieren werden. Vielleicht werden sie an die Türen von Ateliers klopfen, aber sicher nicht, um Kunstwerke auszuwählen, sondern um uns an das Ethos der KünstlerInnen zu erinnern. Sie gehören zu den letzten wenigen Gläubigen, die eine Kunst ausüben, die einen direkten politischen Auftrag hat. Sie verfolgen ihre eigene, grenzenlose, erratische und ernsthafte Praktik in Russland. Haben sie bereits ihr „bestes Kunstwerk“ geschaffen? Vielleicht der riesige Penis auf der Litiejnyj-Brücke in St. Petersburg? Das glauben wir nicht. Ihr bestes Kunstwerk ist die Erinnerung daran, dass wir uns als die Kunstwelt auf dem Weg befinden, zu einer neoliberalen Elite zu werden, die nur noch an finanziellem Gewinn und der Anhäufung symbolischen Kapitals arbeitet.“

(Artur Żmijewski und Joanna Warsza)

Lesen Sie hier Zitate aus einem Gespräch mit Leonid Nikolajew:
http://www.berlinbiennale.de/blog/text/zitate-aus-einem-interview-mit-lonia-jebniety-16754

Weitere Informationen:
http://en.free-voina.org

Letzte Aktionen von Voina:
Aktion „Dick captured by KGB“. 14. Juni 2010
Aktion „Leo the Fucknut is our President!“. 16.–22. Mai 2010


Joanna Warsza

Joanna Warsza, geboren 1976, ist Kuratorin an der Schwelle von darstellender und bildender Kunst. Nach ihrem Abschluss an der Warschauer Akademie für Theater absolvierte sie ein Aufbaustudium an der Tanzfakultät der Universität Paris 8. Sie ist Mitgründerin der unabhängigen Plattform Laura Palmer Foundation (www.laura-palmer.pl). Joanna Warsza arbeitet überwiegend im öffentlichen Raum, wo sie Projekte kuratiert, die soziale und politische Fragestellungen untersuchen, darunter zur Nicht-Sichtbarkeit der vietnamesischen Gemeinde in Warschau, dem Phänomen der israelischen Jugenddelegationen in Polen oder dem post-sowjetischen Architektur-Erbe im Kaukasus. Gemeinsam mit Krzysztof Wodiczko leitet sie ein Seminar zu Konflikt, Trauma und Kunst an der Warschauer Hochschule für Sozialpsychologie sowie eines zur Performativität in der zeitgenössischen Kultur. Sie hat Projekte unter anderem mit dem Berliner Theater Hebbel am Ufer, dem Museum für Moderne Kunst Warschau, dem AICA Armenien, dem GeoAir Tbilisi, dem Centre Pompidou und der Biennale de Belleville, beides in Paris, organisiert. Außerdem ist sie Herausgeberin des Readers Stadium X – A Place That Never Was.
Seit Anfang 2011 arbeitet sie mit Artur Żmijewski an der Entwicklung und Umsetzung des Konzeptes der 7. Berlin Biennale. Joanna Warsza lebt und arbeitet in Berlin und Warschau.

Lesen Sie hier ein Gespräch zwischen Artur Żmijewski und Joanna Warsza:
http://www.berlinbiennale.de/blog/text/ausnahmen-universalisieren-16715


Die 7. Berlin Biennale findet vom 27. April bis 1. Juli 2012 statt.

Die Berlin Biennale wird organisiert von den KW Institute for Contemporary Art und gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.



Press Release
Berlin, November 28, 2011

Tags: Joanna Warsza Artur Żmijewski Oleg Vorotnikov Natalya Sokol Leonid Nikolajew Kasper Nienagliadny Sokol Leo the Fucknut Kozljonok Koza Berlin Biennale Russland Warschau 
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