02 Mai 2012, 23:31


Wir haben Artur Żmijewski im Frühling 2011 in St. Petersburg kennengelernt und im Sommer darauf hat er uns vorgeschlagen, Kuratoren der 7. Berlin Biennale zu werden. Er sagte, er brauche unsere Hilfe, um Kunst in Politik zu transformieren. Das bedeutet nicht, dass wir uns als Kuratoren der Biennale mit Ausstellungsmanagement beschäftigen. Wir halten das generell für sinnlos: Ausstellungen schaden der zeitgenössischen Kunst. Künstler denken nur noch darüber nach, was und wo sie ausstellen können. Also: umso weniger Exponate es auf der Biennale geben wird, desto besser. Die Grundlage unserer kuratorischen Tätigkeit bei der Berlin Biennale ist folgende: wir arbeiten absolut uneingeschränkt, die Berlin Biennale hat uns keinen Rahmen gegeben. Wir sind im engen Austausch mit Artur Żmijewski. Er kennt unsere Schwierigkeiten, wie anstrengend das Leben im Untergrund ist. Unsere Tätigkeit bei der Berlin Biennale bedeutet nicht, dass wir dafür unser Land verlassen werden. Unsere Tätigkeit hier in Russland ist ein Teil unserer Arbeit bei der Biennale. Alle unsere Handlungen als Kuratoren haben offiziellen Charakter, wir handeln als assoziierte KuratorInnen der Berlin Biennale - und damit muss sich die Regierung abfinden. Unsere letzten Aktionen waren radikal. Die Machthabenden wagen es nicht, uns anzuklagen; sie können nicht die gesamte Berlin Biennale verhaften. Zu versuchen das Land zu verlassen, wäre gar nicht so schwierig aber in St. Petersburg zu leben, wo die „Zentrale zur Bekämpfung von Extremismus“, die Kriminalpolizei und die russische Abteilung von Interpol nach uns fahnden, wo unsere Fahndungsfotos sogar in den Pförtnerlogen der Museen hängen – unter solchen Umständen täglich zu leben ist viel gefährlicher als so ein elegantes Abenteuer wie eine Grenzüberschreitung. Meine prinzipielle Position ist: hierbleiben. Die russische Regierung führt Krieg gegen ihr eigenes Volk. Viele Russen, vor allem gut ausgebildete, haben Russland bereits verlassen. Die Lebenspläne von Millionen von Menschen haben sich nicht erfüllt. Das ist die Schuld der Regierung. Daher kann ich nicht ausreisen. Meine Frontlinie ist in Russland. Dies ist auch meine ästhetische Position: in einer der schönsten Städte der Welt zu bleiben. Die Ethik des Künstlers verlangt unserer Ansicht nach, sich intensiv gegen das regierende System zur Wehr zu setzen und dieses Ziel der Öffentlichkeit zugänglich machen. Deswegen versuchen wir, unsere Forderungen mit größtmöglichem Glanz erstrahlen lassen. Es gibt so eine Anekdote oder vielleicht ist es auch nur jemandes Erinnerung an Kasimir Malewitsch: nach der Revolution in Petrograd ging er als Kunstkommissar mit einer Pistole durch die Künstlerateliers und fragte, wer noch immer Birken male und forderte dabei wirkliche Kunst. Mit der Waffe. Das ist echte Kunst.

Ästhetik ist die Vorstufe zur Ethik und heutzutage ist Ethik viel wichtiger für die Kunst. Voina duldet keine Feigheit und keine Gier – daraus entsteht Verrat, und das ist das Schlimmste und Unverzeihlichste für einen Kunstaktivisten. Ich persönlich kann keine Talentlosigkeit oder Unbegabtheit ertragen. Wenn das in Kombination mit einer überhöhten Selbsteinschätzung vorkommt, kann ich sehr unfreundlich werden.

Wir wollen Kunst machen, die niemanden auf die Idee bringt, uns eine Kunstprämie zu verleihen. Wenn es die musealen Institutionen aber nicht lassen können und uns weiterhin für ihre idiotischen Wettbewerbe vorschlagen, werden sie es bereuen. Man kann revolutionäre Kunst nicht bestechen, Spielchen mit Genies sind gefährlich. Man sollte uns sehr ernst nehmen, ein wohlgemeinter Rat von mir. Kunst ist für uns nicht das Maß des Lebens. Wir erzeugen neues Leben, neue Ereignisse, auf die man sich beziehen kann. Unsere Gewehre sind geladen und auf die Kunst gerichtet, damit sie sich fern hält und nicht ihren Kunstgestank hier verbreitet. PR widert uns an. Wir sind eine Untergrund-Gruppe. Voina ist jetzt sehr populär. Überall sind irgendwelche Bücher über uns, Filme über uns, unsere Aktionen werden nachgeahmt – das hat rein gar nichts mit uns zu tun, das ist ein Rattenschwanz aus fremden Interessen. Faule Arschlöcher, die uns anpreisen – das hat nichts mit unserer Zukunft zu tun.

Es gibt kaum eine Publikation in der russischen Presse über uns, die mit der Realität übereinstimmt. Verlogene Schluderarbeit ist hier zur Ideologie der journalistischen Arbeit erkoren worden. Wenn ein Drittel stimmt von dem, was sie schreiben, ist das schon großer Erfolg. Ein typisches Beispiel ist wie in der Presse ernsthafte Artikel über unsere Teilnahme an der korrupten Moskauer Biennale erschienen sind, obwohl wir sie sehr laut und öffentlich boykottiert hatten. Seit 2005, seit es uns als Gruppe gibt, gibt es einen starken Strom an Desinformation über uns. Das hat manchmal auch positive Seiten – als die Polizei zu unserer Aktion „Palastrevolte“ ermittelt hat, konnten sie keine Beweise finden, außer wilden widersprüchlichen Gerüchten in den Medien und künstlerischen Interpretationen in den Blogs. Also ist die Sache in sich zusammengesackt.

Unser Ziel ist jetzt, den Menschen ein überzeugendes Bild entschiedener Handlungen vorzuführen. Jetzt, wo es wieder um „Große Geschichte“ geht sind passiver Protest und symbolische Aktionеn unmoralisch. Die Ereignisse in Russland im Dezember 2011 und Februar 2012 zeigen uns: die Regierung und auch die Opposition, die sich vor der Regierung erniedrigt, tricksen die Bürger aus: Proteste werden auf das Niveau des Konsumierens von Internet-Memen degradiert. Es wird gelacht und ironisiert, statt sich für Straßenkämpfe auszurüsten, für Sabotage. Berlin haben wir. Das nächste ist die russische Revolution.

VOINA

Tags: Artur Żmijewski 7th berlin biennale 
19 Dez. 2011, 12:53

BERLIN BIENNALE NEWS #4 2011


Natalia Sokol, Mitglied des Künstlerkollektivs Voina

Die 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst protestiert gegen den internationalen Haftbefehl gegen Natalia Sokol vom 6. Dezember 2011. Sokol ist Mitglied der aktivistischen Künstlergruppe Voina, die Artur Żmijewski, Kurator der 7. Berlin Biennale, im November 2011 zu Assoziierten KuratorInnen ernannt hat. Aus Solidarität zu unserer Kollegin möchten wir unseren Protest gegen den Haftbefehl, den ihr Anwalt Dmitri Dinze als „rechtswidrig“ und „ohne Begründung“ bezeichnet, zum Ausdruck bringen.

Sokol wird vom Sankt Petersburger Dzerzhinsky-Amtsgericht der Beleidigung und Gewalt gegen Polizeibeamte angeklagt. Abgesehen davon, dass diese Anschuldigungen unbewiesen sind, werden unserer Meinung nach den international akzeptierten Standards eines Haftbefehls und seiner Umstände nicht ausreichend Genüge getan. Nach unserer Information (Quelle: http://en.free-voina.org/post/13878471266 [2], letzter Zugriff am 17. Dezember 2011) missachtet der gesamte Vorgang die Regeln einer gerechten Untersuchung und eines gerechten Verfahrens in gleich mehreren Belangen. Natalia Sokol wurde unter anderem die Möglichkeit einer legalen Verteidigung verwehrt, da sie den Haftbefehl in Abwesenheit erhielt und keine Chance hatte, sich selbst zu rechtfertigen.


Natalia Sokol wird während Protesten am 31. März 2011 in Sankt Petersburg verhaftet

Daher formulieren wir ausdrücklich unseren Protest gegen das vermutlich illegale Verfahren in ihrem Fall und fordern eine angemessene, legale Untersuchung, um die Wahrung ihrer Rechte zu gewährleisten und ihr Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zu unterstützen.

Veröffentlichung Quelle: http://www.berlinbiennale.de/blog/news/protest-gegen-den-internationalen-haftbefehl-gegen-satalia-sokol-17232

Tags: Natalia Sokol Die 7. Berlin Biennale Artur Żmijewski Joanna Warsza 
01 Dez. 2011, 11:45

Artur Żmijewski hat die Gruppe Voina aus Russland und Joanna Warsza aus Warschau zu assoziierten KuratorInnen ernannt, die gemeinsam das Konzept und Programm der 7. Berlin Biennale weiterentwickeln werden.


Vor und Żmij auf der Newa


Voina


Oleg Vorotnikov (a.k.a. Vor), Natalya Sokol (a.k.a. Kozljonok oder Koza), Leonid Nikolajew (a.k.a. Leo the Fucknut) und Kasper Nienagliadny Sokol

Das KünstlerInnenkollektiv Voina (dt.: Krieg) aus Russland wurde 2005 von Oleg Vorotnikov und Natalya Sokol gegründet. Voina engagiert sich in aktionistischer Straßenkunst, die sich gegen die russischen Autoritäten richtet. Ihre Aktionen werden regelmäßig von einer Vielzahl von anonymen AktivistInnen unterstützt. Gegen die Gruppe und ihre AktivistInnen wurden bereits zahlreiche strafrechtliche Prozesse angestrengt. Zuletzt wurden Mitte Oktober 2011 Natalya Sokol und ihr Sohn Kasper für mehrere Stunden in Arrest genommen. Oleg Vorotnikov, Natalya Sokol, Leonid Nikolajew und Kasper Nienagliadny Sokol verweigern die Verwendung von Geld und leben ohne permanenten Wohnsitz in St. Petersburg. Ihr Credo lautet, wie Natalya Sokol erklärt: „Ein Künstler, der sich dem politischen Bewusstsein verschließt, ist nur ein Designer.“

„Wir gehen nicht davon aus, dass die Gruppe Voina als herkömmliche KuratorInnen agieren werden. Vielleicht werden sie an die Türen von Ateliers klopfen, aber sicher nicht, um Kunstwerke auszuwählen, sondern um uns an das Ethos der KünstlerInnen zu erinnern. Sie gehören zu den letzten wenigen Gläubigen, die eine Kunst ausüben, die einen direkten politischen Auftrag hat. Sie verfolgen ihre eigene, grenzenlose, erratische und ernsthafte Praktik in Russland. Haben sie bereits ihr „bestes Kunstwerk“ geschaffen? Vielleicht der riesige Penis auf der Litiejnyj-Brücke in St. Petersburg? Das glauben wir nicht. Ihr bestes Kunstwerk ist die Erinnerung daran, dass wir uns als die Kunstwelt auf dem Weg befinden, zu einer neoliberalen Elite zu werden, die nur noch an finanziellem Gewinn und der Anhäufung symbolischen Kapitals arbeitet.“

(Artur Żmijewski und Joanna Warsza)

Lesen Sie hier Zitate aus einem Gespräch mit Leonid Nikolajew:
http://www.berlinbiennale.de/blog/text/zitate-aus-einem-interview-mit-lonia-jebniety-16754

Weitere Informationen:
http://en.free-voina.org

Letzte Aktionen von Voina:
Aktion „Dick captured by KGB“. 14. Juni 2010
Aktion „Leo the Fucknut is our President!“. 16.–22. Mai 2010


Joanna Warsza

Joanna Warsza, geboren 1976, ist Kuratorin an der Schwelle von darstellender und bildender Kunst. Nach ihrem Abschluss an der Warschauer Akademie für Theater absolvierte sie ein Aufbaustudium an der Tanzfakultät der Universität Paris 8. Sie ist Mitgründerin der unabhängigen Plattform Laura Palmer Foundation (www.laura-palmer.pl). Joanna Warsza arbeitet überwiegend im öffentlichen Raum, wo sie Projekte kuratiert, die soziale und politische Fragestellungen untersuchen, darunter zur Nicht-Sichtbarkeit der vietnamesischen Gemeinde in Warschau, dem Phänomen der israelischen Jugenddelegationen in Polen oder dem post-sowjetischen Architektur-Erbe im Kaukasus. Gemeinsam mit Krzysztof Wodiczko leitet sie ein Seminar zu Konflikt, Trauma und Kunst an der Warschauer Hochschule für Sozialpsychologie sowie eines zur Performativität in der zeitgenössischen Kultur. Sie hat Projekte unter anderem mit dem Berliner Theater Hebbel am Ufer, dem Museum für Moderne Kunst Warschau, dem AICA Armenien, dem GeoAir Tbilisi, dem Centre Pompidou und der Biennale de Belleville, beides in Paris, organisiert. Außerdem ist sie Herausgeberin des Readers Stadium X – A Place That Never Was.
Seit Anfang 2011 arbeitet sie mit Artur Żmijewski an der Entwicklung und Umsetzung des Konzeptes der 7. Berlin Biennale. Joanna Warsza lebt und arbeitet in Berlin und Warschau.

Lesen Sie hier ein Gespräch zwischen Artur Żmijewski und Joanna Warsza:
http://www.berlinbiennale.de/blog/text/ausnahmen-universalisieren-16715


Die 7. Berlin Biennale findet vom 27. April bis 1. Juli 2012 statt.

Die Berlin Biennale wird organisiert von den KW Institute for Contemporary Art und gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.



Press Release
Berlin, November 28, 2011

Tags: Joanna Warsza Artur Żmijewski Oleg Vorotnikov Natalya Sokol Leonid Nikolajew Kasper Nienagliadny Sokol Leo the Fucknut Kozljonok Koza Berlin Biennale Russland Warschau 
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