Wir haben Artur Żmijewski im Frühling 2011 in St. Petersburg kennengelernt und im Sommer darauf hat er uns vorgeschlagen, Kuratoren der 7. Berlin Biennale zu werden. Er sagte, er brauche unsere Hilfe, um Kunst in Politik zu transformieren. Das bedeutet nicht, dass wir uns als Kuratoren der Biennale mit Ausstellungsmanagement beschäftigen. Wir halten das generell für sinnlos: Ausstellungen schaden der zeitgenössischen Kunst. Künstler denken nur noch darüber nach, was und wo sie ausstellen können. Also: umso weniger Exponate es auf der Biennale geben wird, desto besser. Die Grundlage unserer kuratorischen Tätigkeit bei der Berlin Biennale ist folgende: wir arbeiten absolut uneingeschränkt, die Berlin Biennale hat uns keinen Rahmen gegeben. Wir sind im engen Austausch mit Artur Żmijewski. Er kennt unsere Schwierigkeiten, wie anstrengend das Leben im Untergrund ist. Unsere Tätigkeit bei der Berlin Biennale bedeutet nicht, dass wir dafür unser Land verlassen werden. Unsere Tätigkeit hier in Russland ist ein Teil unserer Arbeit bei der Biennale. Alle unsere Handlungen als Kuratoren haben offiziellen Charakter, wir handeln als assoziierte KuratorInnen der Berlin Biennale - und damit muss sich die Regierung abfinden. Unsere letzten Aktionen waren radikal. Die Machthabenden wagen es nicht, uns anzuklagen; sie können nicht die gesamte Berlin Biennale verhaften. Zu versuchen das Land zu verlassen, wäre gar nicht so schwierig aber in St. Petersburg zu leben, wo die „Zentrale zur Bekämpfung von Extremismus“, die Kriminalpolizei und die russische Abteilung von Interpol nach uns fahnden, wo unsere Fahndungsfotos sogar in den Pförtnerlogen der Museen hängen – unter solchen Umständen täglich zu leben ist viel gefährlicher als so ein elegantes Abenteuer wie eine Grenzüberschreitung. Meine prinzipielle Position ist: hierbleiben. Die russische Regierung führt Krieg gegen ihr eigenes Volk. Viele Russen, vor allem gut ausgebildete, haben Russland bereits verlassen. Die Lebenspläne von Millionen von Menschen haben sich nicht erfüllt. Das ist die Schuld der Regierung. Daher kann ich nicht ausreisen. Meine Frontlinie ist in Russland. Dies ist auch meine ästhetische Position: in einer der schönsten Städte der Welt zu bleiben. Die Ethik des Künstlers verlangt unserer Ansicht nach, sich intensiv gegen das regierende System zur Wehr zu setzen und dieses Ziel der Öffentlichkeit zugänglich machen. Deswegen versuchen wir, unsere Forderungen mit größtmöglichem Glanz erstrahlen lassen. Es gibt so eine Anekdote oder vielleicht ist es auch nur jemandes Erinnerung an Kasimir Malewitsch: nach der Revolution in Petrograd ging er als Kunstkommissar mit einer Pistole durch die Künstlerateliers und fragte, wer noch immer Birken male und forderte dabei wirkliche Kunst. Mit der Waffe. Das ist echte Kunst.
Ästhetik ist die Vorstufe zur Ethik und heutzutage ist Ethik viel wichtiger für die Kunst. Voina duldet keine Feigheit und keine Gier – daraus entsteht Verrat, und das ist das Schlimmste und Unverzeihlichste für einen Kunstaktivisten. Ich persönlich kann keine Talentlosigkeit oder Unbegabtheit ertragen. Wenn das in Kombination mit einer überhöhten Selbsteinschätzung vorkommt, kann ich sehr unfreundlich werden.
Wir wollen Kunst machen, die niemanden auf die Idee bringt, uns eine Kunstprämie zu verleihen. Wenn es die musealen Institutionen aber nicht lassen können und uns weiterhin für ihre idiotischen Wettbewerbe vorschlagen, werden sie es bereuen. Man kann revolutionäre Kunst nicht bestechen, Spielchen mit Genies sind gefährlich. Man sollte uns sehr ernst nehmen, ein wohlgemeinter Rat von mir. Kunst ist für uns nicht das Maß des Lebens. Wir erzeugen neues Leben, neue Ereignisse, auf die man sich beziehen kann. Unsere Gewehre sind geladen und auf die Kunst gerichtet, damit sie sich fern hält und nicht ihren Kunstgestank hier verbreitet. PR widert uns an. Wir sind eine Untergrund-Gruppe. Voina ist jetzt sehr populär. Überall sind irgendwelche Bücher über uns, Filme über uns, unsere Aktionen werden nachgeahmt – das hat rein gar nichts mit uns zu tun, das ist ein Rattenschwanz aus fremden Interessen. Faule Arschlöcher, die uns anpreisen – das hat nichts mit unserer Zukunft zu tun.
Es gibt kaum eine Publikation in der russischen Presse über uns, die mit der Realität übereinstimmt. Verlogene Schluderarbeit ist hier zur Ideologie der journalistischen Arbeit erkoren worden. Wenn ein Drittel stimmt von dem, was sie schreiben, ist das schon großer Erfolg. Ein typisches Beispiel ist wie in der Presse ernsthafte Artikel über unsere Teilnahme an der korrupten Moskauer Biennale erschienen sind, obwohl wir sie sehr laut und öffentlich boykottiert hatten. Seit 2005, seit es uns als Gruppe gibt, gibt es einen starken Strom an Desinformation über uns. Das hat manchmal auch positive Seiten – als die Polizei zu unserer Aktion „Palastrevolte“ ermittelt hat, konnten sie keine Beweise finden, außer wilden widersprüchlichen Gerüchten in den Medien und künstlerischen Interpretationen in den Blogs. Also ist die Sache in sich zusammengesackt.
Unser Ziel ist jetzt, den Menschen ein überzeugendes Bild entschiedener Handlungen vorzuführen. Jetzt, wo es wieder um „Große Geschichte“ geht sind passiver Protest und symbolische Aktionеn unmoralisch. Die Ereignisse in Russland im Dezember 2011 und Februar 2012 zeigen uns: die Regierung und auch die Opposition, die sich vor der Regierung erniedrigt, tricksen die Bürger aus: Proteste werden auf das Niveau des Konsumierens von Internet-Memen degradiert. Es wird gelacht und ironisiert, statt sich für Straßenkämpfe auszurüsten, für Sabotage. Berlin haben wir. Das nächste ist die russische Revolution.
Oleg Worotnikow wird per Haftbefehl gesucht. Bei der Berlin Biennale, die am 27. April beginnt, ist sein Kunstkollektiv Woina als Co-Kurator präsent: Ein Gespräch über Vandalismus, Revolution und Anarchie.
Vor, Koza, Kasper und Mama
Skype ist nicht sicher genug. Kein Telefon. Die Korrespondenz darf nur via E-Mail erfolgen. Seit Sommer 2011 liegt gegen den Russen Oleg Worotnikow, 33, ein internationaler Haftbefehl vor. Er ist Kopf der Künstlergruppe Woina, zu Deutsch Krieg. Und Krieg bedeutet Aktionismus, der sich mit Kunst, Gruppensex und Vandalismus gegen die russischen Autoritäten richtet. Worotnikow, ehemals Philosophiestudent, gründete 2005 sein Kollektiv und lebt seitdem im Untergrund. Woina zählt jeden Teilnehmer ihrer Aktionen als Mitglied, mittlerweile sind es etwa 200. Zum Kern gehören neben Worotnikow seine Frau Natalia Sokol, die gemeinsamen Kinder Kasper und Mama, und der beste Freund Leonid Nikolajew. Artur Zmijewski, der Kurator der diesjährigen Berlin Biennale, hat Woina zu assoziierten Kuratoren ernannt.
Wegen „Rowdytums“ wird international nach Ihnen gefahndet. Sehen Sie darin eine Anerkennung Ihrer Arbeit?
Ja, das ist die einzige adäquate Anerkennung eines politischen Künstlers. In dieser Logik ist die Ermordung des Künstlers durch die Behörden die höchste Auszeichnung seiner Arbeit. Und tatsächlich hat der Staat versucht, uns mit Hilfe der Polizei physisch zu vernichten. Aber es ist nicht so einfach, uns umzulegen. Wir sind Profis.
Wie kann man sich einen Tag in Ihrem Leben vorstellen?
Unsere Tage sind endlos. Sie werden bestimmt vom anstrengenden Training zur Vorbereitung zukünftiger Aktionen. Wir arbeiten 24 Stunden, 7 Tage die Woche.
Wie gelingt es Ihnen, seit so langer Zeit auf der Flucht zu sein?
Wir haben uns dieses Leben angeeignet und sind gut trainiert. Der Protest ist unser Schicksal. Außer Woina haben wir nichts.
Mit Benzinbomben haben Sie an Silvester einen Polizeiwagen in Brand gesetzt, der zum Transport von gefangenen Demonstranten eingesetzt werden sollte. Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Kunst und Vandalismus?
Es gibt keinen. Heute fördern Massenunruhen die Kultur mehr als jede Biennale.
Muss Kunst politisch sein?
Kunst darf heute nur noch politisch sein und sonst nichts. Alles, was keine Politik ist, ist keine Kunst, sondern nur eine tote Vogelscheuche gefüllt mit Scheiße und Reflexion.
Was sind die Ziele von Woina?
Wir sind Anarchisten. Das Ziel ist die Zerstörung des Staates. Die Zerstörung dieses verrotteten Taucheranzugs, in dem sich der öffentliche Körper schon lange nicht mehr bewegen kann. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf dem Meeresgrund in einem solchen Anzug: Er ist verkeilt und verrostet, es ist Ihnen unmöglich, den eigenen Kopf zur Seite zu drehen, und bald wird der Sauerstoff in Ihrem Tank ausgehen. Das ist es, was der Staat heute ist. Den Russen passt dieser Anzug nicht mehr. Unsere Feinde sind das Regime und die russische Polizei. Diese gilt es zu vernichten. Wir wollen, dass im Kreml niemand mehr sitzt und überhaupt niemand mehr sitzen will.
Wie finanzieren Sie Ihre Aktionen?
Wir benutzen kein Geld. Die Ideologie von Woina stützt sich darauf, dass jede Aktion ohne Geld und mit bloßen Händen zu realisieren ist. Nur so kann jeder gesunde und untalentierte Mensch die Aktionen wiederholen. Keiner darf sein Nichtstun damit entschuldigen, dass er kein Geld hat. Nieder mit der Arbeit, alle auf die Barrikaden. Die einzige Arbeit ist die Revolution.
Im letzten Jahr hat der Street-Art-Künstler Banksy einen Teil Ihrer Kaution bezahlt. Warum tun Sie es dem Engländer nicht gleich, sondern geben Ihre Identität preis?
Ein wichtiger Teil unseres Aktionismus ist es, sich im eigenen Namen zu artikulieren und nicht hinter Pseudonymen zu verstecken. Wir sind Revolutionäre. Revolutionäre sind keine Lebenden, sondern Tote auf Urlaub, und vor dem Tod gibt es keine Verstecke.
Wie wird Woinas Beitrag auf der Berlin Biennale aussehen?
Für uns sind künstlerische Gesten uninteressant. Wir wollen überhaupt nicht im künstlerischen Feld arbeiten. Woina gebärt ein politisches Leben. Unsere Arbeit kann man nicht rahmen und an die Wand hängen. Artur Zmijewski hat das als Erster erkannt. Unser Beitrag zur Biennale ist die Erweiterung der Kunst um ihre politische Bedeutung. Die gewohnheitsmäßigen Formen der Kunst verachten wir abgrundtief.
Wo befinden Sie sich derzeit, und werden Sie zur Berlin Biennale anreisen?
In Moskau. Hier ist unsere Front, und wir werden nicht desertieren. Legal können wir die Berlin Biennale nicht besuchen. Beim Versuch, die Grenze zu überqueren, werden wir verhaftet. Jedoch wäre es ein interessantes Abenteuer, nach Berlin zu reisen. Ich denke nicht, dass eine illegale Einreise Woina Schwierigkeiten bereiten würde.
Ihre Tochter Mama ist im Januar auf die Welt gekommen, Ihr Sohn Kasper ist drei Jahre alt. Wie beeinflusst Woina das Leben Ihrer Kinder?
Es ist wundervoll. Die Aktivisten Mama und Kasper sind von Geburt an Mitglieder unseres Kollektivs. Kasper ist der jüngste politische Gefangene Russlands. Die Polizei hat ihn dreimal aufgrund seiner aktionistischen Tätigkeiten verhaftet. Er hat mit uns gegen die Polizei gekämpft, an internationalen Ausstellungen teilgenommen und ist der jüngste Kurator aller Zeiten. Jedem anderen Künstler gelingt diese Karriere nicht einmal im ganzen Leben. Lobet Woina!
Die berühmt-berüchtigte Künstlergruppe Voina hat allen politischen Gefangenen in Russland zum Jahreswechsel ein originelles Geschenk gemacht: Sie haben einen Gefangenentransporter in Brand gesteckt. Viele sind der Meinung, das sei banaler Krawall und nichts weiter. Der Präsident von Voina, Leonid Nikolaev, erklärt im Interview mit der Online-Zeitung Lenta.ru , warum das Kunst ist und warum es ein Kompliment ist, dass Voina als “kriminelle Vereinigung” bezeichnet wird.
Prometheus hat der Legende nach den Menschen nicht nur das Feuer gegeben, sondern sie aus Lehm geformt, das heißt, sie faktisch geschaffen. Was hast du im Laufe dieser Aktion geschaffen? Denkst du nicht auch, dass die Aktion Fucking Prometheus keine Kunst, sondern einfacher Krawall ist?
Danke, dass du mir etwas über deine künstlerischen Vorlieben erzählst. In der modernen Kunst gibt es so etwas nicht mehr. Es geht da nicht um persönliche Vorlieben. Ausgeklügelte Gedanken, was Kunst ist und was nicht – das ist nur ein schamhaftes jungfräuliches Getue von gestern und hat mit richtigem Krieg nichts zu tun.
Krawall bedeutet Respektlosigkeit gegenüber der Menschenwürde. Dagegen sind die Aktionen von Voina tägliches Heldentum und die Erfüllung einer zivilisatorischen Pflicht. Wir haben den Bullen eine verkehrte Silvesterfeier organisiert: Statt eines Tannenbaums gab es den brennenden Gefangenentransporter Ural, statt Sekt gab es Feuerlöscher, statt Gratulationen gab es Flüche und Drohungen von ihren Vorgesetzten.
Die Kunst wurde in der russischen Gesellschaft zum Krieg geführt. Ihr habt uns dazu gebracht, und jetzt staunt ihr. Ihr findet es komisch, dass Künstler selber zu ficken [ist das wörtlich gemeint oder etwas anderes?] angefangen haben, aber außer den Künstlern ist niemand dafür übriggeblieben, alle anderen liegen in ihrer Kotze herum. Mir gefällt es auch nicht. Die Künstler müssen es aber tun. Sonst tut es niemand. Die anderen stehen auf dem Asphalt und halten aufgeblasene Kondome von Putin in den Händen oder twittern herum.
Hier zu deiner Info und zur künstlerischen Orientierung: Wir kuratieren die Berlin Biennale. Und Kasper Nenaglydny Sokol ist der jüngste aller Kunstkuratoren. Es gibt einen offiziellen Vertrag, in dem steht, dass alles, was wir machen, Kunst ist. Wir sind verpflichtet, Kunst zu schaffen. Siehst du einen brennenden Gefangenentransporter? Das ist Kunst.
Gleichzeitig kann Krawall Kunst sein, er kann sogar wichtiger als Kunst sein. Frag dich ehrlich: Was bewegt die Kultur mehr – Kunst oder Krawall? Was hat einen stärkeren Einfluss? Wir sind Avantgardisten. Eine Grenze zwischen Kunst und Krawall zu ziehen, heißt für uns Selbstmord. Wo endet die Kunst? Sie endet nirgendwo. Krawall ist sehr oft Kunst.
Ich zitiere: “Warum sollte man Kunst schaffen, wenn alles voller Bullenfressen, Bullenkarren und Monster mit Schulterklappen ist?” Heißt das, es ist vorbei mit der Kunst? Seid ihr nicht länger die Künstlergruppe Voina?
Wie die Polizisten sagen: “Ein Künstler muss im Gefängnis sitzen.” Aber solange die Bullen Angst vor einer neuen Herausforderung haben, tun sie so, als habe sich der Transporter selbst entzündet, und wir hätten es zufällig von vier Standpunkten aus gefilmt. Wir haben uns nie hinter der Kunst versteckt und waren nie hinter der Kunst her. Wir haben uns immer offen abschätzig gegenüber den sogenannten Kulturschaffenden positioniert [verhalten?]– Personen zweiter Klasse, die bei der Regierung Schlange stehen, um sich ficken zu lassen.
Ich sag’ dir, was für mich das entscheidende Kriterium ist: Es geht mir besser nach dieser Aktion. Wir haben ein großartiges Neujahrsfest gefeiert. Es war auf jeden Fall nicht schlechter als letztes Jahr, als wir im Gefängnis saßen. Da bin ich vor Mitternacht ins Bett gegangen. Diesmal hatte ich zu tun.
Was bedeutet der Begriff “Überkünstlerische Aktion” für dich – ist das eher mehr Kunst oder weniger?
Die Aufgabe der Kunst ist immer eine Erweiterung, eine Aneignung. Man muss zugreifen und losrennen. So schnell wie möglich vorwärts. Wenn Kunst immer noch Kunst ist, dann ist sie keine Kunst. Keine künstlerische Tätigkeit. Wenn man den Künstler nicht fragt: “Was soll denn das, soll das Kunst sein?”, dann ist er kein Künstler. Kunst ist eine Inbesitznahme des gesamten Territoriums, in alle Richtungen, mit Lichtgeschwindigkeit. Diesen Lichtstrahlen stehen die Bullen im Weg. Und sie sind brennend heiß. Die Bullen werden von diesen Strahlen durchlöchert.
Kristina Potuptschik (die Leiterin von Naschi, einer Jugendorganisation der Regierungspartei), die von dir wahrscheinlich innig geliebt wird, hat die Mitglieder von Voina öffentlich gefragt, ob es nicht an der Zeit sei, damit aufzuhören, sich als Künstler zu bezeichnen, und offen zuzugeben, dass sie nur eine kriminelle Vereinigung seien. Was ist deine Antwort?
Ist das die, die auf dem Sacharow-Prospekt (während der Demonstration am 24. Dezember 2011 in Moskau) eine Rede gehalten hat? Gut, ich gehe auf ihre Provokation ein.
Letztlich sind Künstler sehr angreifbar. Und ich sage ihr: Ja, in Ordnung, es ist soweit (reimt), dort soweit, wo es hinter den Bergen schneit.
Der Begriff “kriminelle Vereinigung” ist für uns ein Kompliment. Das heißt ja nicht, dass wir keine Kunst machen, es ist eher ein Lob für unser künstlerisches Können. Früher wurden wir nur als Hooligans bezeichnet, jetzt erkennt man an, dass wir das Niveau einer kriminellen Vereinigung erreicht haben.
Ich gehöre nicht mehr dieser Welt an, sondern der des Aktionismus. Sind die Aktionen gut, die ein Künstler macht, dann wird er von der Geschwindigkeit seiner Kunst weit nach oben getragen. Das Ergebnis ist, dass er dort eins mit sich ist, in der vollkommenen Einsamkeit, in der Leere. Der luftleere Raum, die Losgelöstheit von den Mitmenschen, der Verlust jeglicher Beziehungen zur übrigen Welt kennzeichnen den richtigen Erfolg in der Kunst. Kunst ist keine Sphäre persönlicher Bereicherung. Die Ergebnisse der künstlerischen Praxis sind für den Künstler zerstörerisch. Sie bedeuten immer einen kompletten Verlust: von Nerven, Gesundheit, Blut und Persönlichkeit.
In der Kunst gibt es eine letzte Grenze: wenn bei dir alles zugrunde geht. Das zu verstehen, ist ganz besonders traurig, wenn man soziale Kunst betreibt, die einen tatsächlichen Nutzen hat – das, was Voina macht. Das »Gute« daran ist, dass man, wenn man diese Schwerelosigkeit erreicht hat, vielleicht nicht am Leben bleibt. Die sich steigernde Geschwindigkeit ist das Hauptkriterium moderner Kunst. Du musst dich mit Höchstgeschwindigkeit bewegen, um nicht auseinandergerissen zu werden. Ein kleines Bisschen langsamer, und Stücke fallen von dir ab. Um ganz zu bleiben, musst du eine Geschwindigkeit erreichen, die schneller ist als der Zerfall. Das entfernt einen von allen menschlichen Nöten.
Damit man nicht die ganze Zeit darüber traurig ist, haben wir uns zu einer Gruppe zusammengetan. Koza bekommt bald noch ein Kind, ein Mädchen, eine Aktivistin. Zu Kasper dazu. Deswegen müssen wir die Aktionen ganz schnell, blitzschnell machen. Zehn Minuten für alles, nicht mehr. Für mehr haben wir keine Zeit. Die Geschwindigkeit ist das Wichtigste hier. Die Geschwindigkeit ist dazu da, für immer aus der Kunst herausgetragen zu werden.
Euer Mitstreiter Alexey Plucer-Sarno schreibt in seinem LifeJournal von sieben verbrannten Gefangenentransportern. Es gibt aber nur ein Video von einem brennenden Auto bei der 71. Polizeiabteilung. Wie viele Polizeiautos habt ihr denn insgesamt angezündet?
Ruf doch Herrn Suchodolsky an und frag nach, wie die Ermittlungen stehen. Kannst auch gleich Tschitschin, den Hauptbullen des Petrograder Bezirks, anrufen, er hat doch gesagt, dass er immer noch an Wunder glaubt (Der Vorsitzende der Polizeiabteilung des Petrograder Bezirks, Stanislav Tschitschin: “Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Er ist irgendwo da, aber wir wissen nicht, wo. Ich glaube nach wie vor an Wunder.”)
Das sind ganz konkrete Personen mit ihren Träumen, die die Verantwortung für die Unruhen tragen, die gerade in der Stadt beginnen. Frag sie doch, wovon sie träumen. Dann erzählst du es mir weiter und wir lachen zusammen darüber.
Außerdem hast du öffentlich verkündet, dass ihr beabsichtigt, für jeden Tag, den eure Mitstreiter im Gefängnis verbringen, einen weiteren Gefangenentransporter anzuzünden. Habt ihr am 1. und 2. Januar schon einen Polizeiwagen in Brand gesteckt, oder plant ihr in der nächsten Zeit eine Massenverbrennung von Autos?
Verlass doch mal dein warmes Nest auf lenta.ru und komm zu mir. Werde ein Aktivist. Dann machst du jede Nacht Reportagen von den Petersburger Straßen, mit einer Leica und einem Notizblock in der Hand. Ich weiß, du schaffst das. Du wurdest doch schon mal in Kasachstan verhaftet, als es da Volksaufstände gab, du hast also Erfahrung.
Wie lange habt ihr die Aktion mit der Autoverbrennung geplant, oder war das eine spontane Idee?
Die Vorbereitung hat eine Woche gedauert. Die Entscheidung haben wir getroffen, nachdem Philipp Kostenko, der seine Haft im Hungerstreik schon fast abgesessen hatte, am 22. Dezember noch mal zu 15 Tagen Haft verurteilt worden war, und es klar wurde, dass Philipp Silvester hinter Gittern feiern wird. Voina entschied, Philipp ein Neujahrsgeschenk zu machen und das Geschenk mit allen politischen Gefangenen Russlands zu teilen. Für die Suche nach einem Geschenk haben wir eine Woche gebraucht und ein paar Nächte für die Proben. Philipp ist im Gefängnis und kann nicht feiern, aber auch diese verfickten Mitarbeiter des Zentrums zur Extremismusbekämpfung haben in diesen Tagen keine Ruhe. Sie haben gedacht, Vor und Koza wären wohl im Ausland, und haben schon einen internationalen Haftbefehl ausgestellt, sie haben ihre Kopfschmerzen an Interpol weitergegeben, und hier, auf einmal: Herzlichen Glückwunsch, Arschlöcher!
Am 30. Dezember kam die Nachricht über das schreckliche Urteil für Taisiya Osipova: zehn Jahre für eine gefälschte Anklage ohne einen einzigen Beweis. Das hat uns überzeugt, dass wir das Geschenk richtig ausgewählt haben. Wir haben Philipp, Taisiya und allen politischen Gefangenen zu Silvester gratuliert, allen, die wir kennen, allen, denen wir helfen. Ich möchte jetzt sofort Taisiya in Freiheit umarmen, und ich möchte jetzt sofort mit Igor Beresyk gegen eine Reihe von Sondereinheiten der Polizei antreten. Das sind meine Neujahrswünsche. Wir begrüßen alle politischen Gefangenen und erklären sie zu den wahren Helden Russlands!
Habt ihr euch vom Lied der Musikband Barto inspirieren lassen, ich meine die Zeile: “Bist du bereit, Bullen abzufackeln?”
Wir lassen uns seit Langem von nichts mehr inspirieren. Es reicht. Inspirationen brauchen Zeit, einen Wohnraum, einen Sessel, eine warme karierte Decke. Das alles haben wir nicht. Ich trage eine Hose, die ich schon seit meiner Haftzeit besitze, und die Damenjacke von Koza, die ich und sie abwechselnd tragen. Ich bin obdachlos und zerlumpt. Ich kenne das Leben in schlimmer Armut. Was mir bleibt, ist, andere zu inspirieren.
Wenn ich das richtig verstehe, hat Voina den Bullen einen richtigen Krieg erklärt. Wie weit wollt ihr gehen?
Im Dezember hat der Protest Tausende von Bürgern vereinigt, die davor nur in ihren Küchen herumgemeckert hatten. Leider haben diejenigen, die die Proteste angeleitet haben, den Weg der Kooperation mit der Regierung eingeschlagen. Das Ergebnis einer solchen Kooperation: Keine einzige Forderung der hunderttausend Menschen wurde erfüllt, unter anderem hat man auch keinen einzigen politischen Gefangenen freigelassen. Und am Ende des Jahres bei der Silvesterparty im Smolensker Gericht haben die Richterin, die Staatsanwältin sowie die Ermittler aus dem lokalen Zentrum zur Bekämpfung von Extremismus alle zusammen schön entspannt Taisiya Osipova zehn Jahre Haft verpasst. Nun stellt sich die Frage, was man weiter tun soll. In so einer Situation konnten wir nicht ruhig sitzen, wir haben einen neuen Weg vorgeschlagen. So haben wir mit der Brandstiftung angefangen, und wir sagen offen, dass wir soweit sind, das auch weiterhin zu tun. Das war, sagen wir mal, so eine Art Vorschuss für Philipp Kostenko.
Wir empfehlen, gut nachzudenken, ob man den Menschenrechtler nicht doch lieber aus der Haft entlassen sollte, andernfalls wird man erfahren, was das Wort Kunstaktion noch alles für Präfixe haben kann. Einige Jahre lang haben wir Kunst geschaffen, weil wir keinen anderen Ausweg sahen. Wir haben Kunstaktionen gemacht und lebten in einer erwartungsvollen Spannung. Wir waren in ständigem Training. Für euch sind Aktionen von Voina Meisterwerke. Für mich sind sie Humus aus entsorgten Ersatzteilen von Extremismus, von politischem Kampf, Punk, Postmodernismus, Konzeptualismus. Wir haben uns auf Aktionen beschränkt, im Bewusstsein, dass wir nichts Größeres als Kunststücke schaffen können, nicht mehr als Kunstwerke. Jetzt im Untergrund im vergangenen Jahr haben wir die Ausweglosigkeit überwunden. Ich wollte schon immer Polizeiautos abfackeln. Der russische Weg zu Polizeiautos führt jetzt durch das Erbe der Avantgarde. Ein wenig schräg, nicht wahr? Das stimmt. Vom kulturellen Standpunkt aus ist das etwas Neues in der Kunst. Und das haben wir gemacht.
Werdet ihr die Polizisten selbst bestrafen oder nur deren Fahrzeuge? Zum Beispiel die ganzen Polizeiabteilungen mit Menschen drin verbrennen? Beabsichtigt ihr Menschenopfer? Selbstverständlich nur um der Kunst willen.
Im 2011 haben wir uns das ganze Jahr lang mit Bullen angelegt. Sonst nichts gemacht. So ist dieses traurige Werk nicht umsonst geschaffen worden. Wir haben begriffen, dass Bullen im strengen Sinne des Wortes keine Menschen sind, sie sind einfach nur Bruchteile des Systems, ohne persönliche individuelle Charakteristiken. Ohne persönliche Merkmale. Ohne all das, was man braucht, um Mensch zu sein. Vergesst das nie, wenn ihr einem Bullen begegnet, und lasst euch nicht durch zufällige optische Ähnlichkeiten zwischen Bulle und Mensch irreleiten. Ein Mutationselement kann im Prinzip nicht als Subjekt begriffen werden. Habe ich deine Frage beantwortet?
Glaubst du nicht, dass ihr, wenn ihr schon nach der Aktion Palastumsturz ernsthafte Schwierigkeiten bekommen habt, jetzt garantiert “dicht gemacht” werdet?
Ich mache mir da keine Gedanken, Mädchenängste gehören nämlich nicht zu den Zielen und Aufgaben unserer Tätigkeit. Das Ziel ist, nicht zuzulassen, dass während all dieser sinnlosen Silvesterpartys die Menschen den Protestgeist verlieren, dass sie nicht die zehn Jahre Haft für Taisiya Osipova vergessen. Nicht vergessen, dass Philipp Kostenko nicht am 5. Januar aus dem Gefängnis entlassen wird, weil man ihn am 4. Januar zum dritten Mal hintereinander verurteilt. Das Ziel ist, dass niemand so etwas will. Im Moment ist es aber so, dass alle es wollen. Das sind sie, die lieben Zuschauer, und die Bullen.
Was ist der Sinn hinter dem Verbrennen eines Gefangenentransporters? Es gibt doch so viele davon, dass das Vernichten eines einzigen oder gar von sieben solcher Fahrzeuge gar nichts bringt. Oder soll so eine Aktion angsteinflößend wirken?
Das war keine Aktion, das war ein bescheidenes Geschenk zum neuen Jahr für die Aktivisten, die im Gefängnis sitzen. Sie haben sich gefreut, es zu erhalten. Was hast du geschenkt bekommen von deinen Freunden? Whisky? Ein iPhone? Shampoo? Stell dir vor, du bist in einer Gefängniszelle eingesperrt, du bist hilflos, ein Invalide – und plötzlich bekommst du ein solch prächtiges Feuergeschenk, wie du es noch nie bekommen hast. Ich hätte mir gewünscht, so ein Geschenk zu bekommen, als ich im Knast war. Als man mich in so einem Gefangenenfahrzeug zum Gerichtsgebäude und wieder zurück in den Knast transportierte, habe ich mir immer vorgestellt, dass meine Freunde es jetzt angreifen würden, es auf die Seite kippen; ich komme dann raus, renne über die Autobahn und verschwinde. So was träumt man in Gefangenschaft.
Rechnet ihr mit positiven Reaktionen (wie nach der Aktion Schwanz auf der Liteyny-Brücke), oder ist euch egal, wie sich die gesellschaftliche Meinung dazu gestaltet?
Nein, es ist uns gar nicht egal. Die Gesellschaft und die Kunstexperten haben uns erzählt, wir hätten den Schwanz gut gemalt, der Palastumsturz dagegen sei keine gute Aktion gewesen. Das alles sind Menschen, in denen ein Bulle schläft. Das hat uns dann angespornt. Wir machen keine schlechten Aktionen. Also, ihr findet den Palastumsturz nicht gut? Genau diese “keine gute Kunst” haben wir dann als Richtlinie genommen. Eigentlich machen wir das, was wir immer machen – Politik.
In seinem LifeJournal schreibt euer Mitstreiter Aleksej Plucer-Sarno Folgendes: “Der verfickte Weihnachtsmann hat auf die Schweizer Uhr geschaut, die er von seinen Herren geschenkt bekommen hat.” Bedeutet das, dass ihr jetzt vom Außenministerium unterstützt werdet? Früher habt ihr doch alles Nötige in Supermärkten geklaut?
Und jetzt verbrennen wir Gefangenentransporter. Es sieht so aus: Ein kleiner fragiler Aktivist, offensichtlich Veganer, stellt sich allein einem riesigen Gefangenentransporter entgegen. Allein mit den Händen kann man so einen Wagen nicht umkippen – wie beim Palastumsturz. Der Aktivist hat nur ein paar Minuten für diese Aktion. Und da trifft er eine Entscheidung. Ein Neujahrskuchen aus Feuer! Uns unterstützen Banksy und die Berlin Biennale. Das Außenministerium ist nicht dabei. Vielleicht haben sie keine Beziehungen, ich weiß es nicht. In den Supermärkten klauen wir nach wie vor, das ist die Grundlage. Alles, was wir für unsere Aktionen brauchen, ist dort vorhanden.
Was denkst du, kriegt ihr für die Aktion mit dem brennenden Gefangenentransporter Fucking Prometheus auch irgendeine Staatsauszeichnung? Werdet ihr sie annehmen? Habt ihr vielleicht darüber nachgedacht, mithilfe des Geldes, das ihr im Rahmen des “Innovationspreises” bekommen habt, irgendeinen Brand zu organisieren? Habt ihr Molotow-Cocktails vom diesem staatlichen Geld gekauft?
Wir benutzen kein Geld. Ich seit 2010, Vor und Koza seit Ewigkeiten, seit 1998, Kasper seit seiner Geburt. Wir nehmen keine Auszeichnungsgelder an. Wir haben das Geld von “Innovation” nicht angerührt. Niemand wollte es uns auch geben. Der Direktor des Staatlichen Zentrums für Moderne Kunst und Gründer dieser Auszeichnung, Herr Mindlin, hat sich gegenüber der Jury wortwörtlich so gegen Voina ausgesprochen: »Seien Sie sich darüber im Klaren, dass Voina kein Geld von uns bekommt.« Dann haben wir die Menschenrechtsorganisation AGORA gegen das Staatliche Zentrum für Moderne Kunst aufgehetzt, und die Rechtsanwälte von AGORA haben dieses Geld dem Maul der Beamten entrissen, um es zur Unterstützung der politischen Gefangenen und unterdrückten Aktivisten auszugeben. Weißt Du noch, wie es in der Novelle »Kaschtanka« von Tschechow heißt? Die Jungs haben diesen kleinen Hund namens Kaschtanka gequält. Sie haben ihn ein an einem Faden hängendes Würstchen verschlucken lassen und es danach wieder herausgezogen, aus dem Magen des Hundes. Das Staatliche Zentrum für Moderne Kunst ist als ein solches Zirkushündchen aufgetreten, mit dem Geld politischer Gefangener im Magen. Das Geld wurde übrigens sofort auf das Konto von AGORA überwiesen.
Nach diesem Interview beschloss das Gericht am 4. Januar 2012, den Aktivisten und Menschenrechtler Philipp Kostenko freizulassen.
“Nun sollte man sich gut überlegen, welche Methode wirkungsvoller ist: friedliches Getanze mit Kondomen auf Demos – oder der Geruch von frisch gelegten Bränden in der Nacht.”
19.01.2012 · Radikalität ist ihr Markenzeichen. Für die russische Polizei sind sie eine Bande. Wer steckt hinter den Kunstaktivisten Woina, die Ko-Kuratoren der Berlin Biennale sind?
Für sie sind Randale auch eine Kunst: die russische Künstlergruppe Woina
In der modernen Welt im Naturzustand der Jäger und Sammler zu leben gehört zum künstlerischen Ethos der Petersburger Aktionsgruppe mit dem zivilisationskritischen Namen Woina (Krieg). Das heißt, dass sie ohne festen Wohnsitz auskommen, ohne Dokumente, und dass sie prinzipiell kein Geld in die Hand nehmen. Und das obwohl das Gründerpaar Nikolai Worotnikow, mit Künstlernamen „Wor“ (Dieb), und seine Frau Natalja Sokol, die er „Kosa“ (Ziege) ruft, mit ihrem zweijährigen Sohn Kasper unterwegs sind und ein zweites Kind erwarten.
Die Stadt-Partisanen leben von Ladendiebstahl sowie durch Unterstützung seitens des britischen Street-Art-Stars Banksy und der Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (siehe Artikel auf dieser Seite), erklärt stolz der „Präsident“ von Woina, der gelernte Nano-Ingenieur Leonid Nikolajew, genannt „Jobnutyj“, ein derber Ausdruck für höheren Wahnsinn. Ljonja Jobnutyj feierte das vergangene Neujahrsfest, indem er vor Mitternacht im Hof einer Polizeiwache einen Gefangenentransporter in Brand steckte. Die vom Woina-Ideologen Alexej Pluzer-Sarno kommentierte Videodokumentation ist im Netz zu bewundern.
Flüche von oben zum Jahreswechsel In einer Welt voller Blutsauger und Werwölfe der Polizei Kunst machen zu wollen wäre konformistisch, lehrt Pluzer-Sarno. Woina-Präsident Leonid findet eher, dass Randale durchaus Kunst sein und die Kultur voranbringen könne. Dem herkömmlichen Hooligan fehle es an Respekt für die Würde anderer Leute, erklärt der „verrückte“ Ljonja. Er und seine Mitstreiter hingegen erfüllten ihre zivile Pflicht, auch im Angesicht der Gefahr heroisch den aufrechten Gang zu proben. Woina verstecke sich nicht hinter „Contemporary Art“.
Dass die Polizei die Gruppe als „Bande“ bezeichnet, nimmt er als Kompliment. Die feige Masse stehe brav auf genehmigten Demos herum und versende Flüsterbotschaften über Twitter, spottet Nikolajew über die jüngsten Protestaufmärsche. Aktionen wie seine zu Silvester seien heute die wichtigste Ausdrucksform kritischen Denkens in Russland, behauptet Nikolajew. Den Systemstützen der Miliz hatte zum Jahreswechsel statt der geschmückten Tanne der hauseigene Personentransporter Marke Ural geleuchtet, statt Sekt schäumte der Feuerlöscher, und statt Glückwünschen hagelte es Flüche und Verwarnungen von der Chefetage. Das sei die Kunst, die zu schaffen Woina laut ihrem Ko-Kuratoren-Vertrag mit der Biennale verpflichtet sei.
Seine Unterwäsche erinnert an die Gefangenschaft Seine Pflicht gegenüber der Kunst bestehe in der Selbstvervollkommnung, verkündet Leonid: Wahre Kunst fordere stets den ganzen Charakter, Gesundheit, Nerven und sei folglich immer zerstörerisch. Das Merkmal einer geglückten Aktion sei das Gefühl völliger Einsamkeit und Luftleere, der Verlust aller Verbindungen zur Welt und zu allem Humanen. Es komme daher darauf an, mit der Kunst den eigenen Zerfall zu überholen und die nächste Eskalationsstufe noch lebend zu erreichen. Aus diesem Grund gebe es für ihn auch keine äußeren Inspirationsquellen, versichert Nikolajew. Für Inspiration brauche man Zeit, ein Dach über dem Kopf, einen Sessel, eine Wolldecke. Das alles habe er nicht, sagt der zerlumpte Ljonja. Er sei er ein Obdachloser, bekennt der 28-jährige „Präsident“. Seine Arbeitsunterhosen stammten noch aus dem Gefängnis, erklärt er. Die Frauenjacke, die er anhabe, teile er mit Natalja Sokol.
Natalja wird mit Haftbefehl gesucht. Am 31. März 2011 hatte sie bei der nicht genehmigten Demonstration für den 31. Artikel der russischen Verfassung, der eigentlich Versammlungsfreiheit garantiert, Polizisten aus einer Plastikflasche besprüht, die mit Urin gefüllt war. Bei der Pleinair-Skizze „Der angepinkelte Bulle“, wie Woina die Aktion betitelte, hatten zunächst Nikolajew und Worotnikow den Beamten ihre Uniformmützen vom Kopf gerissen. Dann besprengte Frau Sokol ihre Häupter mit Pisse, erklärt zur Fotodokumentation im Internet Pluzer-Sarno, der auch vom symbolischen „Im-Klo-absaufen-Lassen der Bullen“ spricht, womit er den berühmten Putin-Ausspruch variiert, seine Gewaltorgane würden Terroristen „im Klo abknallen“.
Eine Verkleidung, die den Geldbeutel schont Doch Randalebekämpfer von den Omon-Sondermilizen nahmen das Künstler-Ensemble und sogar den kleinen Kasper, den Worotnikow auf dem Arm trug, fest. Das Kind kam wegen geringfügiger Verletzungen in den Gewahrsam einer Chirurgieklinik, aus der ihn sein Vater bald befreite. Seine Mutter wurde zusammen mit Nikolajew auf die Polizeiwache verfrachtet und dort im Lärmschutz lauter Musik verprügelt. Anderntags fuhr eine Eskorte sie zum Gericht. Doch unterwegs entwischte sie durch die Heckklappe und verschwand, wie der Chronist Pluzer-Sarno stolz notiert, „noch bevor die fetten Bullen sich aus dem Auto schälen konnten“.
Unterdessen erfüllte das Urintaufritual von Woina das Kunstkriterium der Welthaltigkeit. Einige Monate zuvor hatte ein hoher Petersburger Milizbeamter im Japanrestaurant seines Bezirks getafelt und sich betrunken. Als das Personal seine Temperamentsausbrüche bremsen wollte, machte er demonstrativ sein „kleines Geschäft“ mitten im Saal. Doch als sich später Journalisten nach dem Vorfall erkundigten, wussten das Management, Kellner und Küchenpersonal angeblich von nichts. Sie deckten den Beamten, der ihnen so animalisch deutlich gemacht hatte, wer der Chef war. Die Sonderrechte der Polizei, aber auch der orthodoxen Kirche veranschaulichte Worotnikow schon durch seine Aktion „Bulle mit Kutte“. Dabei schob er, in ein Priestergewand gehüllt und mit Polizeimütze auf dem Kopf, einen vollen Einkaufswagen an der Supermarktkasse vorbei, ohne zu zahlen - natürlich ungestraft.
Während die russische Gesellschaft in Apathie versank, spielte Woina eine wichtige Rolle, glaubt der Mentor der alternativen Kunstszene Andrej Jerofejew: Jetzt, da sich allerdings Widerstand gegen das System organisiere, seien sie beinahe überflüssig. Und im Gegensatz zu dem Phallus auf der Petersburger Zugbrücke, für den die Gruppe letztes Jahr den Innovationspreis erhielt, und der „Schlossrevolte“, wobei Polizeiautos umgedreht wurden, habe Leonid Nikolajews Neujahrsbrandstiftung auch künstlerisch Schwächen. Für Woina wäre es am besten, findet Jerofejew, in eine andere verkrustete Gesellschaft, etwa die weißrussische, weiterzuziehen.
Interview mit Oleg Worotnikow von Art Grupa Woina.
Oleg Worotnikow ist der Chef der Protestkünstler-Truppe „Art Grupa Woina“. Der 33-Jährige Moskauer wird augenblicklich per internationalem Haftbefehl wegen Rowdytums gesucht. Die „Kunstgruppe Krieg“ lebt seit einem Jahr im Untergrund, benutzt keine Handys, kommuniziert nur mit Laptops. Worotnikow hat an der Moskauer Staatlichen Hochschule Philosophie studiert und dort Ende der Neunziger Jahre mit politischer, systemkritischer Aktionskunst begonnen. Art Grupa Woina gibt es seit Herbst 2005. In der russischen Independent-Künstler-Szene heisst Worotnikow „Wor“, Dieb. Worotnikow benutzt seit 1998 kein Geld mehr, sondern klaut alles, was er, seine Frau, seine beiden Kinder und sein bester Freund zum Leben brauchen. Geld ist tabu, weil er sich sonst den Vorwurf gefallen lassen müsste, kremlkritische Kunst gegen Bezahlung zu machen.
Reporter: „Wie werden euren nächsten Aktioponen aussehen.“ Oleg Worotnikow: „ Sie werden aggressiv sein, wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden.“ Reporter: „Welche Forderungen?“ Oleg Worotnikow: „ Eines vorweg, warum wir so sauer sind. Eine Anti-Extremismus-Einheit der Polizei hat in St.Petersburg einen unserer Aktivisten zusammengeschlagen. Sie haben ihm vor seiner Wohnung aufgelauert, verprügelt, und ein Bein gebrochen. Er sitzt vorerst einmal im Rollstuhl. Dafür wird die Polizei bezahlen.“ Reporter: Welche Forderungen habt ihr? Oleg Worotnikow: „ Die Anti-Extremismus-Einheit, das Zentrum E muss geschlossen werden.“ Reporterfrage: „Was ist das Zentrum E genau.“ Oleg Worotnikow:“ Das russische Zentrum E ist eine Einheit, die Terroristen und Extremisten davon abhalten soll Bombenattentate oder andere Verbrechen zu verüben. Das tut sie aber in der Regel nicht. Sie stürzt stattdessen auf Andersdenkende und macht ihnen das Leben zur Hölle. Das Zenrum E ist eine Art politische Polizei.“ Reporterfrage: Warum begeht ihr Brandanschläge? Oleg Worotnikow: Das sind keine Gewalt- oder Brandanschläge. Bei Anschlägen kommen, nach meinem Verständnis, Menschen zu schaden. Das was wir tun, heißt Protestkunst. Reporter: „Ich würde fast schon von leichtem Terror sprechen.“ Oleg Worotnikow: „Nein, das ist Quatsch.“ Reporter: „Tatsächlich?“ Oleg Worotnikow: „Ich würde höchstens von Terror für die Medien sprechen. Wenn wir einen Gefangenentransporter anzünden, wird über unsere systemkritische Überzeugung berichtet. Viele beginnen nachzudenken. Und genau das ist unsere Absicht. Wacht auf und widersetzt Euch. Das ist die Botschaft unserer Aktionen.“
Eine Totenkopf-Projektion am Moskauer Weißen Haus, ein Riesenphallus auf einer Sank Petersburger Zugbrücke oder umgestürzte Polizeiautos. Aktionen, mit denen sich die russischen Protestkünstler der Bewegung „Art Grupa Woina“ einen Namen gemacht haben. Jetzt, kurz vor den Präsidentschaftswahlen, hat die „Kunstgruppe Krieg“ ihre Gangart noch einmal verschärft. Die Systemkritiker wollen mit ihren Aktionen möglichst viele Wähler davon abbringen, für Wladimir Putin zu stimmen.
Objektauswahl – Detaillierte Planung – minutengenaue Umsetzung. Das jüngste Video der Sankt Petersburger Protestkünstler „Art Grupa Woina“ zeigt die Zerstörung eines Gefangenentransporters. Ihr Motto: „Stürzt den Polizeistaat.“ Radikale Aktionen seien nötig, um sich Gehör zu verschaffen, sagt die Künstlertruppe. Sie wendet sich gegen das autoritäre russische System, gegen die geplante Rückkehr von Wladimir Putin in den Kreml.
Leonid Nikolaew – Art Grupa Woina: „Unser politisches System ist verfault. Wir brauchen einen Machtwechsel. Wir leben in einer korrupten Abzockergesellschaft. Der gesamte Beamtenapparat ist ineffizient. Es passt nur ein Wort: Verfault.“
Diese Aktion hat die Art Grupa Woina, die Kunstgruppe Krieg in Russland bekannt gemacht. Die Künstler malen im Sommer 2010 einen 65 Meter großen Phallus auf diese Sankt Petersburger Zugbrücke. Der Penis zeigt auf das Hauptgebäude des Inlandsgeheimdienstes FSB. Daraufhin beginnt eine Hetzjagd. Die Anführer der Art Grupa verbringen mehrere Monate in U-Haft. Anfang 2011 kommen sie gegen eine Kaution von rund 15.000 Euro wieder frei und tauchen ab.
Oleg Worotnikow – Art Grupa Woina: „Es ehrt mich, dass uns das Regime jagt und mich wegen Rowdytums per internationalen Haftbefehl suchen lässt. Das heißt, wir sind nicht bedeutungslos. Soviel Anerkennung bekommen nur wenige russische Künstler.“
Wegen des Haftbefehls gegen Oleg leben die drei Anführer der Art Grupa Woina mit ihren zwei kleinen Kindern seit einem Jahr im Untergrund. Sie ändern fast täglich ihren Aufenthaltsort, finden bei Freunden, in Rohbauten oder Dachböden Unterschlupf. Ermüdend, aber besser als wieder hinter Gittern zu landen.
Natalia Sokol – Art Grupa Woina: „Ich bekomme oft zu hören, dass das Umherziehen für die Kinder schlecht sei. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kinder sind heilfroh, dass wir alle immer zusammen sind.“
Aus Sicherheitsgründen wechselt die Führungsregie der Kunstgruppe Krieg nach diesen Dreharbeiten wieder ihren Aufenthaltsort. Der harte Kern wird von duzenden anonymen Aktivisten unterstützt. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen werde es noch ein paar grelle Aktionen gegen Putin geben, sagen die Künstler. Je weniger Stimmen er kriege, desto besser. Art Grupa Woina – Russlands moderne Anarchisten.
Zehntausende Demonstranten in Moskau machten für eine faire Präsidentenwahl mobil. Anfang März wurde Wladimir Putin zum dritten Mal ins Amt gewählt. Die Aktivistengruppe “Wojna” proben bereits seit 2005 den Aufstand. Via “Youtube” können ihre Interventionen und ihre gezielten Sabotageakte gesehen und gehört werden. “Kultur.montag” ist es unter abenteuerlichen Umständen gelungen, ein Geheimtreffen mit den polizeilich gesuchten Kunst-Outlaws von Wojna zu arrangieren und sie bei einer ihre Aktionen durch die Moskauer Nacht zu begleiten.
Zur Berlin Biennale Ende April 2012 sind sie als Kuratoren eingeladen, dabei werden Mitglieder der Künstlergruppe Voina in Russland oder per internationalem Haftbefehl gesucht.
Seit ihrer Gründung 2005 macht die russische Polit-Künstler-Gruppe “Voina” durch radikale Aktionen auf sich aufmerksam. Ein riesengroßer Penis auf einer Petersburger Zugbrücke, “Befreiung” von Hähnchen aus Supermärkten durch Transport in der Vagina, und zuletzt, Silvester 2011, ein angezündetes Polizeiauto, das zum Gefangentransport vorgesehen war. “Voina” heißt Krieg und den erklärt die Künstlergruppe den staatlichen Strukturen, dem Zentrum für Extremismusbekämpfung und allem, was für sie zu sehr nach Macht riecht.
Katja Huber hat Oleg Vorotnikov und Leonid Nikolayev in Moskau zum Interview getroffen:
Oleg Vorotnikov: “Also gegen mich liegt einfach ein internationaler Haftbefehl vor und Leonid wird auch gesucht, weil Voina allen politischen Gefangenen Russlands ein kleines Neujahrsgeschenk gemacht hat. Deshalb will sich die Polizei gerne wieder einmal mit uns unterhalten.”
Katja Huber: “Das Neujahrsgeschenk war: Ihr habt einen Wagen angezündet, der zum Gefangenentransport vorgesehen war.”
Die Zugbrücke neben dem Gebäude des Geheimdienstes
Oleg Vorotnikov: “Ich würde das nicht unbedingt Wagen nennen, das ist eher ein Gefängnis auf Rädern. Darin werden Verhaftete transportiert, entweder ins Gericht oder ins Gefängnis. Und nicht selten hält man auch ganz normale Bürger darin fest, während Demonstrationen zum Beispiel, und bringt sie zur Polizei oder wohin auch immer, was die Insassen meistens nicht wissen, weil man nichts sieht, in diesen fensterlosen Teilen.”
Katja Huber: “Ihr seid auch in Deutschland für eure Kunstaktionen bekannt, habt zum Beispiel in St. Petersburg einen großen Penis auf eine Zugbrücke gemalt und als die aufging, wurde der Penis quasi erigiert. Ihr habt Hühnchen aus dem Supermarkt befreit. Die Frauen aus eurer Gruppe haben sich die Hühnchen in die Vagina gesteckt und das alles wurde gefilmt. Das ist auch schon mal in einem Film von John Waters vorgekommen in Pink Flamingo, da hat Divine so was ähnliches gemacht, habt ihr euch von John Waters dazu inspirieren lassen?”
Die Mitglieder der Künstlergruppe Voina, zu deutsch “Krieg”
Oleg Vorotnikov: “Leider kenne ich den Film nicht, obwohl ich John Waters Filme in meiner Kindheit gesehen habe, zum Beispiel “Cry-Baby” mit Iggy Pop. Aber auch wenn ich ihn gesehen hätte, hätte ich auf die Aktion nicht verzichtet. Weil wir damals einfach ein Handbuch für den Straßenaktivisten machen wollten. Was muss ein Aktivist wissen und können, um ein großer russischer Künstler zu werden? Oder um die Straßenrevolution hervorzurufen? Jeder hat ja so seine ganz speziellen Ziele. Und das grundlegende Problem eines Aktivisten ist: Wie kann ich ohne Geld leben? Wenn du auf der Straße lebst, arbeitest du natürlich nicht, weil du all deine Zeit der Revolution widmest, ein professioneller Revolutionär bist. Aber leider bekommen Revolutionäre keinen Lohn. Deshalb muss man ohne Geld überleben lernen. Wir wollten dem russischen Volk beibringen, dass es kein Verbrechen ist, Lebensmittel zu stehlen, wenn du hungrig bist. Wir machen das ja auch ständig. Also haben wir gesagt: ‘Ihr habt vielleiht Angst, das Essen in die Tasche zu stecken, wir haben nicht mal Angst, es in die Muschi zu stecken’.
Und diese Aktion hatte übrigens auch etwas prophetisches an sich. Im Sommer haben wir die Aktion durchgeführt, im Herbst saßen wir im Gefängnis. Und in russischen Gefängnissen ist alles verboten. Wenn du trotzdem etwas dort haben willst, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als es mitzubringen und zwar in deinem Inneren. Und nicht selten versuchen Gefangene wirklich ganze Telefone oder auch andere Dinge mit zu bringen, versteckt in ihrem Körper.”
Voina auf dem Vormarsch
Katja Huber: “Wie viele Aktivisten hat Voina denn?”
Oleg Vorotnikov: “Wir sind der Meinung, dass ein Mensch, der an einer Aktion teilgenommen hat, sich Voina-Aktivist nennen kann. Also wenn wir sie alle zählen, sind es wahrscheinlich schon mehr als 200, aber feste Mitglieder, die tatsächlich alle Aktionen begleiten sind weniger. Viel viel weniger.”
Voina in Moskau
Leonid Nikolayev: “Aber dafür gibt es sehr interessante offizielle Zahlen des russischen Zentrums für Extremismusbekämpfung: 3.000 Mitglieder in jeder größeren russischen Stadt und in Petersburg nicht weniger als 7.000. Das steht jetzt in den Akten unserer Strafverfahren.”
Oleg Vorotnikov: “Und die behaupten, wir hätten auch noch Abteilungen im Ausland. In Griechenland, in der Slowakei und anderen Staaten.”
Katja Huber: “Aber das ist ja das Aburde, ihr könnt nicht aus Russland raus, seid aber zu Berlin Biennale 2012 als Co-Kuratoren eingeladen. Kann man das mit Ai WeiWei vergleichen?”
Oleg Vorotnikov: “Das würde ich nicht sagen. Ai WeiWei macht europäische Salonkunst, sein eigentliches Werk ist nicht mit einem Risiko verbunden. Und trotzdem wird er dafür unter Druck gesetzt. Und deshalb ruft das auch in der ganzen Welt so heftige Reaktionen hervor. Alle unterstützen ihn. Aber wir wählen ganz bewusst den Kampf, unternehmen gefährliche Aktionen. Wenn die Polizei gegen Ai WeiWei vorgeht, ist das absurd. Wenn die Polizei gegen uns vorgeht, sind wir bereit.”
Katja Huber: “Und warum seid ihr gerade in Moskau? Ihr habt mir ja per Mail mitgeteilt, dass ihr nur in Petersburg tätig seid und in Moskau nur Polizei-Provokateure als gefakete Voina-Mitglieder auftauchen.”
Die Frau von Oleg Vorotnikov mit Kind Nummer eins
Oleg Vorotnikov: “Tatsächlich hat Voina Aktivistenzuwachs bekommen. Am 19. Januar hat meine Frau unser zweites Kind entbunden. Wir haben unsere Tochter ‘Mama’ genannt. In St. Petersburg leben wir im Keller, das sind schlechte Bedingungen für einen Säugling, weder Sonnenlicht noch warmes Wasser. Das Kind kam in St. Petersburg auf die Welt, aber jetzt braucht es Wärme. In St. Petersburg haben wir so eine Wohnmöglichkeit nicht, in Moskau im Moment schon.”